Gaming
Am 26. September 2018 kündigte Codemasters die offizielle Fortsetzung seiner gefeierten Offroad-Simulation Dirt Rally an. Ein Spiel, das sich einmal mehr auf die Ursprünge der Serie besinnt. Doch was macht die Erstlingswerke eigentlich so besonders? Warum haben Hunderttausende Racing-Enthusiasten Colin McRae Rally und seine diversen Nachfolger noch immer in bester Erinnerung? Und vor allem: Wie genau hängt all das mit der Entstehung von Dirt Rally und Dirt Rally 2.0 zusammen? Fragen über Fragen, die wir euch im Folgenden beantworten möchten. Abgerundet wird unser Special schließlich von taufrischen Hands-On-Eindrücken zu Dirt Rally 2.0. In diesem Sinne: Anschnallen und festhalten!
Sega Rally als großes Vorbild
Oktober 1994. Nach dem durchschlagen Erfolg von Daytona USA veröffentlicht Videospiel-Spezialist Sega einen neuen Acrade-Automaten namens Sega Rally Championship. Die Reaktionen sind überwältigend, denn erstmals überhaupt gelingt es einem Rennspiel, die Eigenschaften unterschiedlicher Bodenbeläge so zu simulieren, dass sie sich spürbar auf das Fahrzeug-Handling auswirken. Es macht also einen riesigen Unterschied, ob der Spieler eine asphaltierte Straße entlang rast, mit Vollgas über eine Schlammstrecke brettert oder mit gezogener Handbremsen durch die Haarnadelkurven einer Schotterpiste schlittert. Vorläufige Zwischenbilanz für Sega: 12.000 verkaufte Spielautomaten sowie mehr als 1,2 Millionen verkaufte Exemplare der Heimkonsolen-Umsetzung für Sega Saturn.
Aber nicht nur Fans und Fachpresse lieben Sega Rally Championship. Auch Codemasters, ein vor allem durch seine zahlreichen Rennspiele bekannt gewordener Videospiel-Entwickler aus England, zeigt sich hochauf begeistert. So begeistert, dass die Briten Ende der 90er-Jahre beschließen, einen eigenen Rallye-Racer in Angriff zu nehmen.
Bestzeitenjagd statt Wettfahren gegen andere
Im Gegensatz zum sehr Arcade-lastigen Sega Rally trimmt Codemasters seine Produktion allerdings deutlich stärker in Richtung tatsächlicher Rallye-Rennen. Während es bei Sega Rally also in erster Linie darum geht, 14 andere, ebenfalls auf der Strecke fahrende Rallye-Piloten zu überholen und Erster zu werden, dominiert bei Colin McRae Rally die Jagd des Einzelnen nach der ultimativen Bestzeit.
In der Anfangsphase der Entwicklung hegen die Macher zunächst ernsthafte Zweifel, ob dieses Konzept tatsächlich Spaß macht. Doch die Sorgen erweisen sich als unbegründet, denn schon bald entbrennen knallharte Bestzeiten-Gefechte innerhalb des Studios. „Nach und nach konnten sich alle im Team mit der Grundidee anfreunden und spätestens dann war klar, dass wir die Seele des Spiels gefunden hatten“, erinnert sich Produzent Guy Wilday in einem Interview mit dem britischen Fachmagazin Edge.
Im Juli 1998 ist es dann endlich soweit. Colin McRae Rally rast zunächst auf PlayStation und dann (zwei Monate später) auf PC in den Handel und überzeugt mit seinem fein abgestimmten Handling-Modell, abwechslungsreichen Strecken und für damalige Verhältnisse absolut sehenswerten Schmutzeffekten. Das Spiel verkauft sich wie geschnitten Brot und legt den Grundstein für eine Rallye-Serie, die auch in den Folgejahren richtig Gas gibt und zahlreiche hochkarätige Fortsetzungen hervorbringt.
Erst Trendsport-Evolution, dann Trendwende
Während bei Colin McRae Rally 2.0 (2000), Colin McRae Rally 3 (2002), Colin McRae Rally 04 (2003) und Colin McRae Rally 2005 (2004) klassische Punkt-zu-Punkt-Rennen im Vordergrund stehen, kommen spätestens mit dem Release von Colin McRae Dirt (2007) immer neue Spielvarianten und Trendsport-Elemente hinzu.
Für die Erweiterung der Zielgruppe mag das durchaus Sinn machen. Viele Serienveteranen jedoch blicken dieser Entwicklung zunehmend skeptisch entgegen und rümpfen spätestens mit dem Erscheinen des gänzlich auf spaßige Arcade-Modi getrimmten Dirt: Showdown die Nase.
Die gute Nachricht: Auch Codemasters hat die Sorgen der Rallye-Puristen auf dem Schirm und steuert bereits kurz nach der Fertigstellung von Dirt: Showdown mit einem neuen Projekt namens Dirt Rally dagegen. Das Ziel diesmal: Eine möglichst realistische Rallye-Simulation erschaffen, die komplett auf Trendsport-Schnickschnack verzichtet.
Damit dies gelingt, stellen die Briten zunächst einen neuen Physik-Programmier ein und beauftragen ihn, das Handling heckgetriebener Fahrzeuge zu optimieren. Erste Ergebnisse lassen nicht lange auf sich warten und sorgen für Aufsehen und Begeisterung. Denn statt alten Programm-Code zu feintunen, wirft der neue Mitarbeiter das bisherige Physik-Modell über den Haufen und schreibt es – in enger Abstimmung mit dem Handling-Team – komplett neu.
Hauptsache realistisch
Was bleibt, ist ein wesentlich realistischeres Fahrzeug-Verhalten, welches viele neue Faktoren beim Zusammenspiel von Reifentyp und Oberflächenbeschaffenheit berücksichtigt – die sich dann wiederum auf die Gewichtsverlagerung des Fahrzeugs auswirken. Liegen beispielsweise besonderes viele großformatige Steinklumpen auf der Straße (was u.a. in Griechenland der Fall ist), wird der Wagen gänzlich anders reagieren als auf einer mit feinen, eher kompakten Steinen gespickten Schotterpiste in Finnland.
Um die Ausdauer und Konzentration der Spieler auf eine neue Probe zu stellen, streichen die Briten zudem die traditionsreiche Rückspul-Funktion. Blechschäden und Unfälle können also nicht einfach auf Knopfdruck rückgängig gemacht werden, sondern beeinträchtigen das Fahrverhalten bis zum Erreichen der Ziellinie. Adrenalin pur!
Wohl wissend, dass letztendlich die Spieler selbst die wichtigsten Kritiker sein werden, entschließt sich Codemasters außerdem für einen sogenannten Early-Access-Release. Letztgenannter beginnt am 7. April 2015 und bewirkt genau das, was Codemasters erhofft hatte: Das Feedback einer hoch motivierten Community fließt direkt in den Entwicklungsprozess mit ein und ist letztendlich maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich die finale PC-Fassung von Dirt Rally unglaublich rund anfühlt und zum Release am 7. Dezember 2015 eine Top-Wertung nach der anderen einfährt.
Weiterer Grund für den Erfolg: Statt sich auf ihren Lorbeeren auszuruhen, entwickeln die Macher den Titel auch nach dem offiziellen Release kontinuierlich weiter. Zunächst in Form einer Konsolen-Fassung, später durch die Ergänzung eines VR-Modus. Dieser findet riesigen Anklang und gilt bei vielen Fans bis heute als die bestmögliche Art, das Spiel zu erleben.
Dirt Rally 2.0 – der neue Stern am Offroad-Himmel?
Mit Dirt Rally 2.0 geht diese Evolution nun in die nächste Phase. Wichtigste Neuerung beim offiziellen Nachfolger ist ein abermals erweitertes Handling-Modell, welches erstmals auch die Abnutzung der Strecke durch andere Fahrzeuge in die Simulation mit einbezieht. Oder um es mit den Worten von Game Designer Ross Gowing zu formulieren: „Diejenigen Fahrer, die ganz vorne durchstarten, werden vorrangig mit lockerem Untergrund konfrontiert. Nicht ganz so einfach haben es Fahrer weiter hinten in der Startaufstellung. Denn nun simulieren wir, wie das Material am Boden durch jeden vorbeifahrenden Rennteilnehmer zunehmend auf die Außenseiten der Rennlinie bewegt wird, wodurch sogenannte Spurrillen entstehen.“
Aber was genau heißt das jetzt in der Praxis? Ganz einfach: Je weiter hinten eure Startposition im Fahrerfeld, desto höher sind die Chancen, dass ihr euch mit tiefen Furchen auf der Fahrbahn herumschlagen müsst. Furchen, die bei einsetzendem Regen natürlich auch Wasser ansammeln und dann eine umso größere Herausforderung darstellen.
Einmal rund um den Globus
Fans erinnern sich: Im ersten Dirt Rally ging es vorrangig auf Strecken in Europa ans Eingemachte. Deutschland, Finnland, Griechenland, Monte Carlo, Schweden und Wales – das waren die Zeitfahren-Stars des Vorgängerspiels. Dirt Rally 2.0 wird ebensoviele Szenarien bieten, verteilt diese allerdings deutlich internationaler. Im Rahmen des Hands-On-Events durften wir uns beispielsweise nach Neuseeland begeben und in der dortigen Region Waikato einen Golf GTI Mark 2 mit Hochgeschwindigkeit durch ein saftig grünes Küstengebiet mit steil abfallenden Hängen und fiesen Haarnadelkurven scheuchen. Ein Heidenspaß, nicht zuletzt dank der erneut hervorragenden Lenkrad-Unterstützung. Aber auch mit Gamepad spielte sich Dirt Rally 2.0 richtig klasse.
Ergänzend dazu gewährten die Briten einen ersten Vorgeschmack auf ein Szenario, welches bereits seit Langem die Spitzenposition der Community-Wunschlisten einnimmt. Die Rede ist natürlich von Argentinien, ein Land, das Rally-Fahrern in aller Welt großen Respekt einflösst. Kein Wunder, denn wer hier durchs kurvige Andenhochland brettert, läuft stets Gefahr, mit gefährlichen Felsformationen zu kollidieren, die sich oft direkt am Streckenrand auftürmen. Hinzu kommt: Durch die extremen Höhenunterschiede, finden auch Wetterumschwünge deutlich häufiger statt.
Für den finalen Release am 26. Februar versprechen die Macher außerdem Rallye-Ausflüge nach Australien, Polen, Spanien sowie die Vereinigten Staaten. Prozedural generierte Strecke wie in Dirt 4 wird es hier übrigens nicht geben. Vielmehr sind alle Etappen wie im ersten Dirt Rally von Hand entworfen und frei von sich wiederholenden bzw. sehr ähnlich aussehenden Abschnitten.
Stürzt ihr euch dagegen auf den Rallycross-Modus, stehen die ersten acht Strecken der 2018er Fia WRX-Saison auf der Agenda, also Barcelona in Spanien, Montalegre in Portugal, Mettet in Belgien, Silverstone in Großbritannien, Hell in Norwegen, Höljes in Schweden, Lohéac in Frankreich sowie Trois-Rivières in der kanadischen Provinz Quebec.
Eindruck schindete darüber hinaus der Fuhrpark. Dieser soll laut Codemasters über 50 Fahrzeuge beinhalten und eine Art Who-is-Who-Liste besonders prominenter Rennsemmeln darstellen, die zwischen 1960 und heute gefertigt wurden. VW-Fans zum Beispiel dürfen sich ins Cockpit des brandneuen VW Polo GTI R5 klemmen, während Audi-Liebhabern Spritztouren im legendären Quattro bevorstehen.
Ausblick
Obwohl bisher nur eine klassische Rallye-Etappe (in Neuseeland) sowie ein Rallycross-Rennen (in Kanada) spielbar waren, hinterließ Dirt Rally 2.0 einen sehr gelungenen Eindruck. Dies gilt im Speziellen für das erneut grandiose Fahrgefühl, die höchst präzisen Beifahrer-Ansagen sowie das fordernde, von Hand erstellte Streckendesign. Trotzdem: Damit’s eine richtig runde Sache wird, sollten sich die Briten die immer lauter werdenden Community-Stimmen zu Herzen nehmen und im Optimalfall bereits direkt zum Launch einen VR-Modus anbieten. Letzterer nämlich fehlte in der gezeigten Fassung gänzlich und soll laut Codemasters vom Feedback der Fans abhängen.