Donuts: Wie man seine F1-Reifen besser nicht aufwärmt...
© Naim Chidiac / Red Bull Content Pool
F1

Reifen begreifen: Speed & Haltbarkeit im ewigen Widerspruch

Sie sind entscheidend für Rundenzeiten, für die Fahrbarkeit der Autos und letztlich für den Sieg – die Reifen in der F1. Der frühere Minardi-Pilot Patrick Friesacher erklärt das Eigenleben der Slicks.
Autor: Eugen Waidhofer
5 min readPublished on
Die Formel 1 kann ziemlich hart sein oder auch voll weich – zumindest bei den Reifen. Die Mischung reicht von C1 (hard) bis C5 (soft). An einem trockenen Rennwochenende sind immer 3 Mischungen verfügbar, beim Österreich GP sind es diesmal C3 / C4 / C5. Weil der feinkörnige Belag am Red Bull Ring und sein Strecken-Layout die Reifen schont, greift Pirelli zur weichsten Variante. Hier erfährst du alles, was du über die wichtigste Verbindung zwischen dem Rennauto und der Rennstrecke wissen musst.
Rot, gelb oder weiß: Die richtige Reifenwahl ist rennentscheidend

Rot, gelb oder weiß: Die richtige Reifenwahl ist rennentscheidend

© Joerg Mitter/Red Bull Content Pool

Die Bedeutung der Reifen
Weil die Leistungsunterschiede zwischen den Teams kleiner geworden sind, haben die Reifen in dieser Saison an Bedeutung gewonnen. Traktion, Grip und Kurvengeschwindigkeit sind noch wesentlicher für die Rennentscheidung geworden. Außerdem schaffen die neuen Unterböden einen "Groundeffect", der ein längeres Hinterherfahren möglich macht, ohne die Reifen zu verheizen. Das fördert Überholmanöver und sorgt für mehr Spannung.
Die richtige Reifenwahl
Auf einer trockenen Strecke haben die Teams 3 Möglichkeiten: Soft (rot), Medium (gelb) und Hard (weiß). Die roten Reifen liefern die besten Rundzeiten, haben aber die geringste Haltbarkeit – bei den weißen Reifen ist es genau umgekehrt. Die gelben Reifen sind der Kompromiss zwischen Speed und Ausdauer.
  • In den Trainingssessions ... werden alle Mischungen getestet, um zu analysieren, welche Reifen am schnellsten abbauen bzw. am längsten durchhalten.
  • Im Qualifying ... werden die Bestzeiten mit Soft-Reifen gefahren, weil sie einfach die schnellsten sind und nur wenige Runden halten müssen.
  • Im Rennen... ist es eine strategische Entscheidung. Was ist beim Start möglich, wann ist der beste Zeitpunkt für einen Boxenstopp und wie wahrscheinlich ist ein Safety Car?
Die begrenzte Zahl von Reifensätzen
Die Teams können nicht aus dem Vollen schöpfen: Pro Rennwochenende stehen einem Fahrer maximal 13 Sätze Trockenreifen, 4 Sätze Intermediates (blau) und 3 Sätze Regenreifen (grün) zur Verfügung. In den Trainings und im Qualifying haben die Fahrer freie Reifenwahl. Im Rennen müssen mindestens zwei unterschiedliche Mischungen verwendet werden. Ausnahme: Der Grand Prix wird vom Rennleiter als Regenrennen deklariert.
Die Zeitunterschiede zwischen weich und hart
Weiche Reifen haben mehr Grip und Traktion – die Fahrer können später bremsen, haben eine höhere Kurvengeschwindigkeiten und können früher aufs Gas steigen. Das kann in der Rundenzeit einen Unterschied zwischen Soft und Hard von bis zu 1,5 Sekunden ausmachen.
Die optimale Betriebstemperatur
Ein Formel 1-Reifen wird so gebaut, dass er grundsätzlich von ca. 20 bis 100 Grad funktioniert, weil er ja auch hinter dem Safety Car eine Basisleistung abliefern muss. Aber wirklich optimal performen die Slicks in einem Fenster zwischen 80 und 100 Grad.
Das Ende der Heizdecken ist nah
Früher war alles einfacher: Mit 100 Grad heißen Heizdecken sind die Reifen wohltemperiert auf die Strecke gegangen. Seit der Saison 2022 ist alles schwieriger: Die maximale Temperatur wurde auf 70 Grad gesenkt (also deutlich unter der idealen Betriebstemperatur), die Zahl der Heizdecken pro Team von 20 auf 40 reduziert. Und ab 2024 sollen die Heizdecken, um Kosten zu sparen, überhaupt verboten werden.
Reifen-Experte und F1-Pilot Patrick Friesacher

Reifen-Experte und F1-Pilot Patrick Friesacher

© Naim Chidiac / Red Bull Content Pool

Reifenflüstern in den Kurven
Der schonende Umgang mit den Reifen ist eine Frage des (Fahr-)Stils – beim Bremsen, beim Einlenken und beim Beschleunigen. In jeder Kurve jeder Runde ist das ein Kompromiss zwischen Aggressivität und Feingefühl. Entscheidend ist, wie heiß die Karkasse und die Felge werden, und nur 3 Grad mehr sind in der nächsten Kurve bereits ungut zu spüren. Die fahrerischen Feinheiten lassen sich im Simulator super trainieren und jeder Pilot kann damit seinen Fahrstil umstellen. Aber nur bis zu einem gewissen Grad, denn seinen persönlichen Rennfahrer-Instinkt kann niemand ändern.
Der Reifendruck hat Konsequenzen
Über Sensoren können die Fahrer den Reifendruck am Lenkrad-Display perfekt kontrollieren – bei schlechten Werten müssen sie ihre aktuelle Fahrweise ändern. Denn wenn die Reifen zu sehr überhitzen, steigt der Reifendruck und das Auto beginnt zu rutschen. Das kostet Rundenzeit und verschleißt die Slicks.
Die Reifen "zum Arbeiten" bringen
Nach einem Reifenwechsel ist alles anders, die Fahrer müssen zuerst Temperatur in ihre Reifen bekommen, bevor sie wieder attackieren können. Das heißt: Vorsichtig fahren, also ein bisschen früher bremsen, ein bisschen später Beschleunigen. Die ersten drei Kurven nach dem Boxenstopp gelten als kritische Phase, danach sollten die Fahrer wieder safe sein.
Mehr Anpressdruck = mehr Reifenverschleiß?
Das Gegenteil ist richtig: Der neue Groundeffect und der höhere Anpressdruck sorgen dafür, dass die Reifen sogar länger halten, weil die Autos weniger rutschen. Das schont den Gummi und gibt den Teams mehr Spielraum beim Planen der Boxenstopps.
Die Reifen überfordern
Wer mit kalten Reifen zu aggressiv unterwegs – vor allem in den ersten Runden nach dem Boxenstopp – riskiert die Lebensdauer der Reifen. Ordnungsrufe aus der Box sind dann keine Seltenheit. Wenn der Reifensatz durch den pfleglichen Umgang zwei oder drei Runden länger performen, kann das zum Schluss eines Grand Prix rennentscheidend sein.
Der unvermeidliche Leistungseinbruch
Abnützungserscheinungen sind unvermeidlich und damit hat jeder Reifen eine nur begrenzte Lebensdauer. Bei harten Reifen werden Verschlechterungen eher schleichend spürbar, aber weiche Reifen können innerhalb von nur einer Runde ihren Grip völlig einbüßen. Dann ist eine schnelle strategische Entscheidung gefragt: Draußenbleiben und Zeit verlieren oder in die Box fahren und im Verkehr stecken.
Der Slick ist ein Reifen ohne Profil, um maximalen Grip zu erzeugen

Der Slick ist ein Reifen ohne Profil, um maximalen Grip zu erzeugen

© Joerg Mitter/Red Bull Content Pool

Die Performance verbrauchter Reifen
Wie reagiert ein Auto mit Reifen, die ihre beste Zeit lange hinter sich haben? Kommt auf das Setup und die Bauweise an. Im Moment kämpfen die meisten Boliden beim Einlenken in schnelle Kurven mit Untersteuern (Vorderachse zieht nach außen) und in der Kurvenmitte mit Übersteuern (Heck bricht aus). Das notwendige Gegenlenken strapaziert die Reifen noch mehr – ein Teufelskreis. Dazu kommt: Das Auto wird instabil und nervös beim Bremsen und findet weniger Traktion beim Beschleunigen. Sauberes Fahren und gute Rundzeiten sind so unmöglich.
Die richtig falsche Entscheidung bei Regen
Wenn es regnet oder die Strecke feucht ist, geht's nicht mehr um Rundenzeiten – wichtig ist, das Auto überhaupt auf der Straße zu halten. Die Frage lautet also: Regenreifen (grün) oder Intermediates (blau)? Regenreifen können viel Wasser verdrängen, sind langsam und lösen sich beim Auftrocknen der Strecke innerhalb weniger Kilometer auf. Bei Intermediates wiederum besteht die Gefahr von Aquaplaning und damit eines Ausfalls. Der Grat zwischen falscher und richtiger Entscheidung ist im Regen besonders schmal...