Das Stunt-Ehepaar Aurélia Agel und Justin Howell
© Shamil Tanna
Martial Arts

Liebe auf den ersten Kick

Aurélia Agel und Justin Howell sind das prominenteste Stunt-Pärchen Hollywoods und gerade dabei, das Business grundlegend zu verändern. Wie das gehen soll? Indem sie sich so richtig vermöbeln.
Autor: Scott C. Johnson
10 min readPublished on
Wenn du die Heldin und den Helden dieser Geschichte kennenlernen möchtest, dann schau dir jetzt für sechs Minuten den YouTube-Clip „Mr. & Mrs. Smith: Love &War" an.
Wieder zurück? Blutdruck und Puls wieder halbwegs im Normalbereich?
Gut. Die Darsteller in diesem sechsminütigen Action-Feuerwerk auf einem Flugzeugfriedhof in der kalifornischen Wüste sind Aurélia Agel und Justin Howell, zwei der talentiertesten Stunt-Performer Hollywoods. Privat sind sie ein Ehepaar.
Die Idee zu dem Kurzfilm entstand im Sommer und Herbst 2023, als der Drehbuchautoren-Streik Hollywood lahmlegte. Bei dem Projekt ging es um viel mehr als um bloßen Zeitvertreib. Der Anspruch, den Aurélia Agel und Justin Howell hatten, lautete „den besten Action-Kurzflm zu drehen, den wir in kürzester Zeit realisieren konnten."
Die Französin Agel, 27, doubelte bereits Charlize Theron.

Die Französin Agel, 27, doubelte bereits Charlize Theron.

© Shamil Tanna

Das war wörtlich zu verstehen: Aus „in kürzester Zeit" wurden tatsächlich nur 48 Stunden Drehzeit. Und aus dem „besten Action-Kurzflm" wurden atemberaubende Kampfszenen samt Flugzeugen, Explosionen und einer Szene, in der Howell mit bloßer Hand eine Panzergranate fängt und an die Absenderin zurückschleudert, und einem Kuss (fast) am Ende.
Man könnte „Mr. & Mrs. Smith: Love &War" als eine Art PR-Video für Howell und Agel sehen, um sich in der Szene einen Namen zu machen. Doch kaum etwas wäre weniger nötig als das: Agel doubelte unter anderem bereits Charlize Theron, Milla Jovovich und Olga Kurylenko. Der blonde Howell hat dagegen ein steinernes Kinn, das durchaus mit dem von Superman konkurrieren kann – einer Figur, der er seinen 1,90 Meter großen, muskelbepackten Körper bereits geliehen hat. Zu sehen war Howell auch in Filmen wie „Thor: Love and Thunder", „Avengers: Endgame" und „Dark Phoenix".
„Mr. & Mrs. Smith: Love & War" macht nicht nur Spaß, der Film ist auch ein Symbol für eine grundlegende Veränderung in Hollywood. Stars der Stunt-Szene wie Agel und Howell haben zunehmend mehr im Sinn, als nur andere zu doubeln. Sie übernehmen Rollen, die traditionell anderen vorbehalten waren, wie Stunt-Choreografie, Regie und sogar Schauspielerei.
Vorreiter dieses Trends sind Veteranen wie Zoë Bell, die als Double für Uma Thurman in Quentin Tarantinos „Kill Bill" arbeitete und zu Schauspielerei und Produktion wechselte, oder Greg Powell, der als ehemaliges Superman-, James-Bond- und IndianaJones-Double zum Stunt-Koordinator für Film-Franchises wie „Harry Potter" und die „Avengers" wurde.
Kanadier Howell, 36, war zuvor Ritter in einer Mittelalter-Show.

Kanadier Howell, 36, war zuvor Ritter in einer Mittelalter-Show.

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Die beiden sind freundliche, ja richtig sanfte Menschen.
Stuntlegende und Regisseur Sam Hargrave, der mit Agel und Howell den Thriller „Matchbox" dreht
Auch andere Stunt-Legenden wie Chad Stahelski, David Leitch oder Sam Hargrave prägen zunehmend das Hollywood-Actiongenre als Regisseure mit. Hargrave zum Beispiel nutzte seine Erfahrung als StuntKoordinator diverser Marvel-Filme für seine Regie bei „Extraction". Mit Erfolg: Die Netfix-Serie wurde für ihre atemberaubenden Action-Sequenzen und innovative Kameraführung gefeiert.
Trotz des künstlerischen und wirtschaftlichen Erfolgs, für den die Stunt-Szene in der Filmwelt verantwortlich zeichnet, wird sie noch immer nicht von den großen Preisverleihungen berücksichtigt, allen voran von den Academy Awards, den Oscars. Diese Lücke zu schließen, dafür kämpfen seit 2001 die Taurus World Stunt Awards, die herausragende Leistungen in acht Kategorien würdigen. Für jemanden wie „Extraction"-Regisseur Hargrave ist das aber nicht genug: „Wenn man sich vor Augen führt, welche Bedeutung Stunts in der Filmgeschichte spielen, ist es schwer, Argumente gegen eine eigene Kategorie bei den Oscars zu finden", sagt er. Derzeit testet er die Grenzen des Möglichen in einem Projekt mit Aurélia Agel und Justin Howell.
In einem Studio in Budapest dreht das Trio für Skydance, Apple und Mattel Films den Thriller „Matchbox", der auf Mattels klassischen Metall-Spielzeugautos basiert, mit John Cena und Jessica Biel in den Hauptrollen. „Wenn wir alles umsetzen können, was wir geplant haben", sagt Hargrave, „dann wird in dem Film rekordverdächtig viel Action stecken." Auf Howells Drängen änderte der Regisseur das Drehbuch, damit das Paar zusammenarbeiten konnte. „Wir haben Agel eine Rolle auf den Leib geschrieben", sagt Hargrave. „Sie spielt eine Attentäterin, die versucht, unseren Helden zu töten, und sie bekommt einige ziemlich lustige Actionszenen mit John Cena."
Schlag auf Schlag: Agel und Howell schlüpfen in verschiedene Rollen

Schlag auf Schlag: Agel und Howell schlüpfen in verschiedene Rollen

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Aurélia Agel stammt aus Frankreich. Sie wurde in Orléans geboren, verbrachte den Großteil ihrer Kindheit in Cahors, etwa 90 Minuten von Toulouse entfernt. Ihr Vater war Lehrer, trainierte in seiner Freizeit Taekwondo und schrieb Bücher über griechische Mythologie. Ihre Mutter war Krankenschwester und praktizierte Judo. Die Familie zog oft um, und weil sie manchmal auch in raueren Vierteln lebte, waren die Eltern besorgt um die Sicherheit von Agel und ihrer älteren Schwester. So ermutigten die Eltern die beiden Kinder, Kampfsport zu erlernen. Agel war begeistert – und auffallend talentiert: Mit vierzehn hatte sie bereits den schwarzen Gürtel in Judo, später trat sie in Sanda, einer chinesischen Form des Kickboxens, sogar für das französische Nationalteam an.
Als ihre Eltern schließlich vorschlugen, es doch mit dem Kampfsport als Beruf zu versuchen, belegte Agel einen Kurs am Campus Univers Cascades, einer renommierten Stuntschule in Nordfrankreich. „Ich wusste nach dem ersten Tag: Hier habe ich meine Berufung gefunden!" Bereits die erste Stunt-Rolle, um die sich Agel bewarb, bekam sie: Sie doubelte Aleksandra Luss in Luc Bessons „Anna". Agel zog für die Dreharbeiten nach Paris und versuchte, mehr und mehr im Business Fuß zu fassen. Nach weiteren Kursen und Ausbildungen, darunter in Wire Work (Darsteller werden an dünnen, oft unsichtbaren Seilen befestigt, um sie schwebend oder fliegend erscheinen zu lassen), hob Agels Karriere ab: Sie wurde für „Black Widow" engagiert, wo sie nicht nur als StuntDouble für Florence Pugh auftrat, sondern auch als eine der Widows schauspielerte, es ging weiter mit „Guardians of the Galaxy Vol. 3", wo sie Karen Gillan in der Rolle der Nebula doubelte, zuletzt war sie für Charlize Theron in „Fast & Furious 10" zu sehen.
Am anderen Ende der Welt – im kanadischen Mississauga (nahe Toronto) – wuchs Howell auf. Seine Mutter war, wie jene von Agel, Krankenschwester, sein Vater arbeitete in der Immobilienbranche. Auch Howell begann schon in jungen Jahren mit dem Kampfsport-Training: Als Teenager reiste er durch Nordamerika und führte Taekwondo einem LivePublikum vor. Nach einigen Jahren als Cheerleader (mit Kanadas Team nahm er von 2011 bis 2016 sogar an den Weltmeisterschaften teil) wechselte er zu „Medieval Times" in Toronto, einer populären Mittelalter-Dinner-Show, wo er einen Ritter darstellte. Er lernte auf Pferden zu reiten, mit Langschwertern zu kämpfen und baute innerhalb von zwei Jahren zwölf Kilo Muskelmasse auf. Der Schritt ins Show-Business war getan, es folgte als erster Film das Historienepos „Pompeii", gefolgt von einem Engagement als Double für Joel Kinnaman in „Suicide Squad" (2016). Danach schaffte er den Sprung ins „Marvel Cinematic Universe" und war Chris Hemsworths Stuntman in Filmen wie „Thor: Love and Thunder" und „Extraction 2".
In Zukunft wollen sie auch Drehbücher schreiben & selbst produzieren.

In Zukunft wollen sie auch Drehbücher schreiben & selbst produzieren.

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Er hatte eine Freundin, sie war Single …

Agel und Howell lernten einander 2021 am Set in Budapest kennen, beim Dreh der ersten Stafel der Paramount+ -Serie „Halo". „Ich doubelte den Master Chief, und sie doubelte Riz“, sagt Howell. „Er hatte eine Freundin, und ich war Single“, ergänzt Agel trocken. „Wir hatten zunächst gar kein Interesse aneinander." Das änderte sich, als Howell Agel eines Tages fragte, ob sie einen Freund habe…
Bereits ein paar Monate später war Agel sicher, dass sie Howell heiraten wollte. Sie jonglierten mit ihren Terminen in Kanada, Berlin und Australien und schafften es, ein paar Monate zusammen in Prag zu verbringen. Hier bereiteten sie ihre Hochzeit in Kopenhagen vor, während Howell am neuesten „John Wick"-Film arbeitete. Einen Tag nach der Hochzeit waren beide wieder in verschiedenen Ländern an der Arbeit.
Wie der Jetset-Leinwand-Action-Lebensstil eines Stunt-Ehepaars hinter den Kulissen aussieht? Auf Instagram und TikTok verraten die beiden einiges: Sie teilen Trainingsroutinen, Einblicke hinter die Kulissen und Lifestyle-Inhalte – und erreichen damit Millionen. Beide haben sich vorgenommen, nie länger als drei Wochen am Stück getrennt zu sein. Wie das mit Kindern sein wird? (Agel sagt, sie möchten zwei.) „Die werden mit auf Reisen kommen und zumindest in den ersten Jahren zu Hause unterrichtet", sagt Agel. „Am wichtigsten ist, dass wir alle zusammen sind."
In diesem Moment sind sie zusammen, es ist ein Morgen mit Espresso und Croissants in einem Fitnessstudio in einem Vorort nördlich von Paris. Im Hintergrund turnen ein paar französische Parkour-Akrobaten. Agel und Howell beginnen ihren Trainingstag mit ein paar Dehnübungen, im Anschluss besteht er im Wesentlichen darin, sich gegenseitig auf Matten zu werfen, umeinander herumzuwirbeln und insgesamt so zu tun, als würde man einander nichts Gutes wollen, alles freilich hochpräzise choreografiert.
Agel und Howell kämpfen für mehr Anerkennung für die Branche.

Agel und Howell kämpfen für mehr Anerkennung für die Branche.

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«Unser Ziel? Eine eigene Stunt-Kategorie bei den Oscars!
Agel & Howell
Sieht man den beiden zu, wirkt das alles wie auf einer Film-Leinwand, nur live. Agel wirft sich federnd in einen horizontalen Roundhouse-Kick, rollt danach elegant ab und steht sofort wieder in ihrer Ausgangsposition aufrecht da, während Howell Schlag um Schlag auf die Brust kassiert und sehr überzeugend so tut, als würde jeder Treffer fürchterlich wehtun. Er stürzt in spektakulärem Bogen zu Boden, nur um sich sofort wieder in einer eleganten Rolle aufzurichten. Das Training hier in Paris gilt Hargraves Film „Matchbox". „Die beiden sind ein Power-Paar, extrem athletisch, physisch beeindruckend und zugleich sehr freundliche, sanfte Menschen", sagt der 42-jährige Regisseur.
Berühmt wurde Hargrave, als es ihm gelang, in eine 21-minütige, durchgehende Sequenz in „Extraction 2" mehrere Locations zu integrieren, einen Gefängnisaufstand, eine Verfolgungsjagd und eine Zugfahrt. Die dafür nötige Logistik war atemberaubend: 400 Action-Darsteller, 75 Stunt-Crew-Mitglieder und 29 Drehtage. Die meisten Effekte wurden real umgesetzt, darunter auch Szenen, in denen Chris Hemsworth, der in dem Film von Howell gedoubelt wurde, in Brand gesetzt wurde. Hemsworth beschrieb dies als die schwierigste Szene seiner Karriere.

Vorlage für Lebensprojekt

Es gab in der Filmgeschichte immer schon Schauspieler, die riskante Manöver selbst übernahmen – ein ikonisches Beispiel ist Buster Keaton und seine Zug-Verfolgungsjagd im Stummfilm „The General" aus dem Jahr 1926. Aber schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Stuntmen, und mit Helen Gibson sprang in der Serie „The Hazards of Helen" (1914 – 1917) erstmals eine Stuntwoman von fahrenden Zügen und Motorrädern. Die Actionszenen wurden immer kreativer, aufwendiger und technischer, es wurden professionelle Stunt-Künstler benötigt. Man rekrutierte sie aus dem Rodeo oder Zirkus, wie Tom Mix, der seine Rodeo-Erfahrung in mehreren bemerkenswerten Western einbrachte.
Bei „Matchbox" hat Hargrave mit Agel und Howell viel vor. „Justin wird in einigen wilden Szenen zu sehen sein", sagt der Regisseur. Agel wird in einer hybriden Stunt-Schauspieler-Rolle auftreten, mit mehreren knallharten Kampfszenen, aber auch viel schauspielerischer Präsenz. „Sie hat gegen Ende eine ziemlich große Action-Sequenz, auf die ich mich besonders freue", sagt Hargrave. Agel jedenfalls brennt darauf, ihr Repertoire zu erweitern. „Ich möchte mehr Rollen spielen können und eines Tages auch produzieren", sagt sie. „Love &War" könnte die Weichen für diesen Weg stellen. Agel und Howell arbeiten bereits mit einem Drehbuchautor an einem abendfüllenden Filmskript, erste Gespräche mit Produzenten laufen. Vielleicht haben Agel und Howell mit „Love &War" ja vielleicht, unbewusst, auch eine Vorlage für ihr ganzes Lebensprojekt geschaffen. Nach fünf Minuten, in denen sie vermeintlich versuchen, sich gegenseitig zu Brei zu schlagen, endet der Kurzfilm damit, dass sich die beiden Action-Helden auf dem Bildschirm auch zärtlich nahekommen.
„Ich habe dich vermisst, Babe" sagt Howell. „Bedeutet das, dass du mich noch liebst?", antwortet Agel. Nach einem leidenschaftlichen Kuss verpasst sie ihrem On-Screen-Gegner den endgültigen Schlag – einen letzten Hieb, der das Ende besiegelt, zumindest des Films.

Die wahren Superhelden

Aurélia Agel und Justin Howell haben bereits viele Hollywoodstars gedoubelt – oder gegen sie gekämpft. Ein Best-of.

Taurus World Stunt Awards: der Preis der Branche

Die Taurus World Stunt Awards wurden von Red Bull-Gründer Dietrich Mateschitz ins Leben gerufen, um die Leistungen von Stunt-Performern zu würdigen. Sie wurden 2001 zum ersten Mal verliehen und finden seitdem jedes Jahr statt. Die Jury besteht aus Mitgliedern der Stunt-Community, Preise werden in acht Kategorien vergeben, von der bester Kampf-Choreografie („Best Fight") bis hin zum härtesten Schlag („Hardest Hit"). Die Organisation unterhält auch eine Stiftung, die Stunt-Profis finanzielle Unterstützung gewährt, die sich bei einem Stunt schwer verletzen. Die Taurus World Stunt Awards 2025 werden am 10. Mai in Los Angeles verliehen. Im vergangenen Jahr dominierte übrigens Sam Hargraves aktueller Film „Extraction 2" die Awards mit Nominierungen in sieben Kategorien. Der Film wurde schließlich für „Best Work with a Vehicle" ausgezeichnet – für eine rasante Autoverfolgung durch einen Wald, die so geschnitten wurde, dass sie wie eine einzige ununterbrochene Einstellung wirkt – sowie für „Best Fight" und „Best Stunt Coordinator".
Taurus World Stunt Awards

Taurus World Stunt Awards

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