Kein leichter Weg: Heute hat Bitpanda einen Wert von 4 Milliarden US-Dollar
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Bitcoin

Wie wurde Bitpanda das erfolgreichste Start-up Österreichs?

Kann virtuelles Geld eigentlich reale Arbeitsplätze schaffen, oder was tut Bitcoin für die Wirtschaft? Ein Besuch bei den drei Gründern des erfolgreichsten Start-ups Österreichs: Bitpanda.
Autor: Niko Jilch
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Die klugen Köpfe

Paul Klanschek beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Krypto.

Paul Klanschek beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Krypto.

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Paul Klanschek, 32, ist südlich von Klagenfurt, in Maria Rain, aufgewachsen und finanzierte sich sein Studium an der Wirtschaftsuni Wien mit semiprofessionellem Pokerspiel. Er beschäftigt sich bereits seit 2010 mit Krypto, als es in Europa noch sehr schwer war, sich Bitcoin zu kaufen. Er ist heute CEO bei Bitpanda und Mitglied des FinTech-Beirats im Finanzministerium.
Eric Demuth ist auch als Angel Investor tätig.

Eric Demuth ist auch als Angel Investor tätig.

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Eric Demuth, 35, wuchs nördlich von Hamburg auf und fuhr zwei Jahre als Schiffsmechaniker zur See, bevor er Bitpanda mitbegründete. Eine Regel des jetzigen CEO lautet: Investiere nur in Dinge, die du auch wirklich verstehst. Demuth ist auch als Angel Investor tätig, beteiligt sich also finanziell an anderen Unternehmen und hilft Existenzgründern mit Know-how und Kontakten.
Christian Trummer hat bereits mehrere Software-Firmen gegründet.

Christian Trummer hat bereits mehrere Software-Firmen gegründet.

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Christian Trummer, 35, ist in der Steiermark aufgewachsen. Er ist Softwareentwickler und Technischer Leiter bei Bitpanda, leitet als CTO also alle Aspekte der Entwicklung. Außerdem ist er Serial Entrepreneur (dt.: Seriengründer) – vor Bitpanda hatte er bereits drei Software- Firmen gegründet.
Was steht am Beginn des amerikanischen Traums? Die Garage. Amazon, Apple und Google, drei der größten Unternehmen des frühen 21. Jahrhunderts, sind sogenannte Garagenfirmen.
Sie befeuern den Mythos, dass man den Weltmarkt auch dann erobern kann, wenn man zu Beginn nicht einmal ein Büro bezahlen kann. Aus Österreich sind wenige solche Garagen-Storys bekannt. Vielleicht wird man in vielen Jahren eher von der Autobahnraststätte sprechen, die am Beginn des österreichischen Traums stand. Denn genau dort, neben der Südautobahn, wurde das bisher erfolgreichste Start-up des Landes gegründet.
Bitpanda ist das erste Unicorn Österreichs, also ein Start-up, das mit über einer Milliarde Dollar bewertet wird. Und der Beginn dieser Erfolgsgeschichte klingt fast wie ein Witz: Im ersten Halbjahr 2014 verabredeten sich ein Norddeutscher, ein Kärntner und ein Steirer zu einem Treffen in einem schmucklosen Kaffeehaus irgendwo an der Autobahn zwischen Wien und Graz. Dort, an der Grenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark, wurde nach etwas über zwei Stunden Gespräch von Eric Demuth, Paul Klanschek und Christian Trummer die Firma Bitpanda quasi gegründet, der Notartermin folgte nur wenige Wochen nach dem Treffen.
Inzwischen hat das ehemals kleine Start-up Büros in Berlin, Barcelona, Dublin, Krakau, London, Madrid, Mailand und Amsterdam – doch die Zentrale ist in Wien geblieben. Und samt der mittlerweile 700 Mitarbeiter befindet es sich inzwischen im Wiener Prater, nur wenige hundert Meter entfernt von dem Ort, an dem sich zwei der drei Gründer, Demuth und Klanschek, erstmals getroffen haben. „Das war Ende 2013“, erzählt Klanschek. „Ich hatte schon ein halbes Jahr versucht, etwas auf die Beine zu stellen, und bin nicht weitergekommen. Dann habe ich Eric an der Wirtschaftsuniversität kennengelernt.“
Bitcoin war damals bedeutungslos und fast unbekannt. Die Kryptowährung zu kaufen war unendlich mühsam, zeitaufwendig und riskant. Man musste Geld nach Japan zu einer rudimentären Börse namens „Mt. Gox“ schicken, die Anfang 2014 schließlich gar zusammenbrach. Klanschek und Demuth hatten drei Dinge gemeinsam: Ihr Erstkontakt mit Bitcoin kam über die Onlinepoker-Community, wo Geldtransfers naturgemäß eine große Rolle spielen. Sie hielten die Bitcoin-Idee zuerst für Schwachsinn, änderten ihre Meinung jedoch rasch. Und am wichtigsten: Sie erkannten Ende 2014, dass es ein Problem zu lösen gab, und hatten damit eine brauchbare Geschäftsidee. Es brauchte eine europäische Bitcoin-Börse.

Doch zu Bitpanda fehlte das dritte Puzzleteil: der Programmierer.

„Wir wussten: Wir können kein Hightech-Start-up gründen, ohne technischen Gründer. Wir kannten uns aus, aber wir konnten nicht programmieren“, sagt Demuth. Die beiden Studenten riefen Johannes Grill an, den Präsidenten des Vereins Bitcoin Austria. Er empfahl ihnen Christian Trummer, der tief in der südlichen Steiermark auf dem Bauernhof seiner Eltern saß und sich in seiner Freizeit mit Bitcoin beschäftigte. Daher das Treffen an der Autobahn. Es lag auf halbem Weg.
Ihr Unternehmen ist das einzige Unicorn Österreichs, es wird mit über vier Milliarden Dollar bewertet.

Die drei von der Tankstelle haben es in acht Jahren weit gebracht.

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Trummer war über den Aktienhandel auf Bitcoin gestoßen: „Es ist eine extrem interessante Verbindung aus Trading und Technologie. Bei Aktien konntest du damals nicht in die Börsen hineinblicken und dir zum Beispiel das Orderbuch ansehen, also alle Kauf- und Verkaufsaufträge. Bei Bitcoin ging das immer schon. Alles war offen.“ Dass Trummer ein Interview gibt, grenzt übrigens an ein Wunder. Er stellte schon bei der Gründung klar: kein Geschäftsführerposten, keine Medien und am besten auch kein Umzug nach Wien.
So nahm Bitpanda als Brokerdienst für Kryptowährungen seinen Anfang und war schnell der größte und sicherste in Europa. Daraus entwickelte sich eine Online-Börse, über die nicht nur mit Bitcoin & Co gehandelt werden kann. Bitpanda bietet heute tausende Assets an: neben Bitcoin, Ethereum und vielen anderen Kryptos auch Aktien, Fonds, Gold und Silber.
„Als ich angefangen habe, mich dafür zu interessieren, war Bitcoin noch bei Centbeträgen“, erzählt Klanschek. „Es gab Phasen, wo wir nicht wussten, ob es überhaupt weitergeht. Oder ob das Ding stirbt.“ Doch die kleine Firma lief gut. Nach dem Treffen in der Autobahnraststätte kam Demuths Wohnung im 15. Wiener Gemeindebezirk, die eine Zeitlang als Firmenzentrale diente, rund ein Jahr nach dem Treffen folgte der große Launch. Am 15. Dezember 2014 wurde über Facebook bekanntgegeben: „Wir sind da, kauft Bitcoin bei uns.“

Und dann ging es los.

Es folgten zwei Co-Working Spaces im siebten und neunten Wiener Gemeindebezirk, die erste Mitarbeiterin wurde eingestellt. Im ersten „echten“ Büro von Bitpanda, in der Wiener Burggasse im siebten Bezirk, richteten seine Mitgründer dem Programmierer Trummer dann ein kleines Zimmer ein. Seine Weigerung umzuziehen musste er aufgeben, es ging nicht anders. Inzwischen hat er eine Bleibe in Wien, zum Schlafen.
Jahrelang wurden wir behandelt wie die größten Trottel. Und jetzt sagen alle: Schaut euch an, was die Jungs geschafft haben!
Demuth erzählt: „Paul und ich fuhren zu Ikea, um Möbel für das ganze Büro zu kaufen. Und ein Bett für Christian. Das kam in ein Zimmer, damit er nicht jeden Tag in die Steiermark fahren muss.“ Wenig später mietete Trummer seine erste Wohnung in Wien, gleich über dem Büro. Die Kammer war ihm dann doch zu klein. Und Interviews? Alle heiligen Zeiten. Doch bei einem blieb er hart: Das Bitpanda-Imperium besteht inzwischen aus rund zwanzig Firmen in mehreren Ländern. Bei keiner einzigen ist Trummer in der Geschäftsführung.
Dafür steckt er tief drinnen in der eigentlichen DNA des Unternehmens, dem Code. „Christian ist der typische Gründer-CTO“, sagt Klanschek: „Den bekommst du nicht mehr raus. Er hat den Code geschrieben. Er kennt jede Zeile.“ Vielleicht liegt es daran, dass Trummer öffentlichkeitsscheu ist. Vielleicht daran, dass Bitcoin, Krypto und der kometenhafte Aufstieg von Bitpanda an sich so viel Gesprächsstoff liefert, dass man über die Technik dahinter gar nicht viel reden muss.
2014 erfolgte die Bekanntgabe über Facebook: „Kauft Bitcoin bei uns.“

2014 erfolgte die Bekanntgabe über Facebook: „Kauft Bitcoin bei uns.“

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Dabei ist das FinTech-Unternehmen, kurz für Financial Technology, ein Start-up, das es mit den Besten aus dem Silicon Valley aufnehmen kann und in mehreren Runden hunderte Millionen Euro von Investoren eingesammelt hat. Und dessen Technik nun sozusagen vermietet wird, „White Label“ nennt sich das. Der neueste Geschäftsbereich für Bitpanda ist, ihren Service anderen Playern als Paket anzubieten. Banken beispielsweise, wie der französischen Mobile-Bank Lydia. „Unsere Technik, eure Kunden“, sagt Demuth dazu, in dessen Worten das Geschäft bisher „krass gut anrennt“. Wobei er zu bedenken gibt: „Du wirst in der Finanzwelt nie eine Winner-takes-it-all-Situation haben. Es wird zum Beispiel immer regionale Banken geben, das ist nicht wie bei Google oder Facebook.“
Inzwischen schießen überall Krypto­firmen und Neobroker, eine neue Generation von Online­-Brokern, aus dem Boden: rasche Anmeldung, schickes Design, coole Features. Das Investieren ist in den vergangenen zwei Jahren endgültig bei der Generation Smartphone angekommen. Und allen ist klar, wohin die Reise geht: Egal ob Bitpanda, Coinbase, Robinhood oder Trade Republic – am Ende werden alle alles anbieten, von Aktien bis Krypto. Da wird fast vergessen, wie lange die Bitpanda-Gründer belächelt wurden. Wie ihnen – und allen anderen Bitcoin­ Firmen – das Leben schwer gemacht wurde. „Jahrelang wurden wir behan­delt wie die größten Trottel, und jetzt sagen alle: Schaut euch an, was die Jungs geschafft haben“, resümiert Klan­schek. „Aber gut, immerhin, die Leute haben dazugelernt.“
Seit kurzer Zeit residieren die Bitpandas auf 8000 Quadratmetern in Wien.

Seit kurzer Zeit residieren die Bitpandas auf 8000 Quadratmetern in Wien.

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Eine Nagelprobe für die damals noch junge Firma gab es 2017, dem Jahr, in dem die ganze Welt erstmals von Bitcoin und den vielen anderen Kryptowährun­gen hören sollte. Die Medien berichteten permanent, Prominente sprangen auf, Bitcoin stieg innerhalb weniger Wochen von 5000 auf fast 20.000 Dollar. Die Börsen waren überfordert. In den letzten Wochen des Jahres war schon ein Profi, wer überhaupt ein Konto bei einem der großen Anbieter hatte. Denn Coinbase, Kraken, Binance und Bittrex mussten Neuanmeldungen sperren. Zu groß war der Andrang.
Bitpanda blieb offen. „Wir waren die einzige Plattform in Europa, die immer Neukunden aufnehmen konnte“, erzählt Eric Demuth nicht ohne Stolz. Bitpanda hatte vorgebaut, die Prozesse zur Anmeldung und Identifizierung waren erprobt, und die Mitarbeiter legten Nachtschichten ein.
In nur acht Jahren schoss Bitpanda von null auf eine aktuelle Bewertung von über vier Milliarden Dollar. Dazu waren großer Mut, viel Arbeit und auch ein bisschen Glück notwendig. Dabei hatten die Gründer Demuth, Klanschek und Trummer vor Bitpanda jedenfalls keine „echten Jobs“, wie sie erzählen. Sie waren nie angestellt, sondern immer selbständig oder unternehmerisch tätig. Man kann auch sagen: Sie improvisierten.
Die beste Entscheidung? Den Firmennamen von „Coinimal“ in „Bitpanda“ zu ändern. Und das ein Jahr nach der Gründung.
Einzig Demuth hat so etwas wie Erfahrung in einem Betrieb, allerdings eher einem – wie soll man sagen – speziellen. Zwei Jahre ist der Norddeutsche im Maschinenraum eines Schiffs zur See gefahren. „Ich wollte Nautik studieren“, erzählt er. „Das habe ich dann schnell sein lassen. Aber die Zeit will ich nicht missen, ich habe viel gelernt.“ Geblieben sind die heißgeliebten Rollkragenpullis – und die direkte Feedback-Kultur des Norddeutschen. Bis heute fungiert Demuth als Sprachrohr der Firma. Medien, Partner, Konkurrenten – sie kommen zu ihm, denn auch Klanschek ist kein Fan von Öffentlichkeitsarbeit.
Gibt es etwas, was die Gründer bereuen? „Vielleicht, dass wir nicht rascher die VC-Route gegangen sind“, sagt Demuth. VC steht für Venture Capital. Geldgeber, meist aus den USA, die auch Erfahrung und Appeal mitbringen. „Es ist unglaublich: Du bekommst ganz andere Zugänge, Partnerschaften, Mitarbeiter oder Banken.“ Neue Türen gehen auf: „Ab einer gewissen Größe brauchst du die richtigen Partner.“ Aber anders als viele andere Gründer haben die drei Jungs von der Raststätte immer noch die Kontrolle über ihre Firma, weil sie gemeinsam mehr als fünfzig Prozent besitzen.
Und ihre beste Entscheidung? Die kam ein Jahr nach der Gründung. Denn die bis jetzt erzählte Geschichte hat einen Schönheitsfehler. An der Autobahn wurde eigentlich nicht Bitpanda gegründet, sondern eine Firma mit einem Namen wie ein Zungenbrecher: Coinimal. Und dieser Name stand nun im Weg, das zu erreichen, wofür die drei Gründer ursprünglich zusammengekommen waren: den Nutzern einen einfacheren Zugang zu Bitcoin zu gewähren. Man brauchte einen neuen Firmennamen. Einen, der einfacher zu merken war.
Zwei Argumente sprachen für den alten Namen: „Wir hatten bereits rund 10.000 Kunden, es gab schon Sorgen wegen der Brand Recognition“, erzählen sie heute. Trummer, der Techniker, leistete aus einem anderen Grund Widerstand: Bei einem Namenswechsel müsste er den ganzen Code ändern. Die anderen beiden waren trotzdem dafür – und setzten sich durch. Einzig der Panda musste nicht erst erfunden werden, der war schon vorher Teil des Logos.