Für Außenstehende mag Parkour wie ein möglichst elegantes Davonlaufen wirken. Für jemanden wie Elias Giselbrecht ist es dagegen Bewegungskunst – und natürlich ein unerschöpfliches Reservoir für spannende Fotomotive. Entwickelt vom Soldaten Raymond Belle in den Wäldern um Paris, wurde Parkour in den 90er-Jahren von seinem Sohn David ins urbane Setting der Vorstädte importiert. Elias: „Tricks und Runs übe ich in der Halle, um sie dann draußen glaubwürdig und mit vollem Einsatz durchzuführen.“
Elias Giselbrecht (*1998) wuchs im Wiener Bezirk Ottakring auf. Als leidenschaftlicher Turner kam er zum Parkour, als er 14 war. Gemeinsam mit seiner Crew „Revo Cult“ trainierte er in der Halle, bevor es in die freie Wildbahn Wiens ging. Den Einstieg in die Fotografie fand er mit der DSLR (das ist eine Spiegelreflexkamera mit digitalem Sensor) seines Vaters, heute fotografiert er dagegen mit einer Sony Alpha 7 IV. Vom Papa, einem Architekten, hat Elias auch ein Auge für prägnante Gebäude und interessante Strukturen. Für seine Kunst arbeitet Elias Tag und Nacht: „Beim Editing sitze ich oft nächtelang vor den Monitoren und höre dazu Hip-Hop-Instrumentals mit viel Bass. Dabei verschwinde ich in einem Tunnel. An dessen Ende kommt aber meistens der strahlende Moment: Alle Farben sind richtig getroffen, die Komposition passt, und meine Vision ist Realität geworden.“
Bubble Run
Breakdance? Parkour? Oder sogar zeitgenössischer Tanz? Ist manchmal nicht so leicht zu sagen. Erst recht nicht beim Franzosen Charles Auguste. Elias: „Charles’ Handstand kommt eigentlich aus dem Breakdance und zeigt den ihm eigenen, sehr speziellen Stilmix.“ Entstanden ist das Bild 2024 auf der Skylight-Bubble eines Parkdecks beim Wiener Prater. Ein Homerun für Elias.
Lichtermeer
Das Pariser Viertel La Défense ist bekannt für seine vielen Parkour-Spots. 2018 hat es Elias dieser V-Kran angetan. Er und die Salzburger Freerunnerin und Climberin Denise Pirnbacher kletterten parallel auf dessen beide Arme. Elias: „Für solche Projekte wähle ich Zeiten, zu denen die meisten Menschen schlafen.“
Haltungsfrage
In der Wiener Innenstadt wird Wert auf Ordnung gelegt. Verschlägt es den Ottakringer Elias und seine Freunde in die City, kann die aber ganz schön auf den Kopf gestellt werden, wie dieses Bild von 2024 zeigt. Zu sehen ist hier Dennis K., Parkour-Artist aus Mannheim und guter Kumpel von Elias. Sein Credo: Bodenhaftung wird überschätzt.
Runde Sache
Das riesige runde Fenster des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses in Berlin ist ein beliebtes Motiv unter Urban-Sports-Fotografen. „Es war mir wichtig, etwas ungewohnter an den Spot heranzugehen“, sagt Elias. „Ich mag die schiefe Perspektive und den frei schwebenden Schatten, den mein bester Freund, Athlet Daniel Heinzl, schlägt.“ Wir auch: Das Bild war 2023 Semi-Finalist beim Fotobewerb Red Bull Illume.
Ich führe nur Aktionen durch, die ich mir wirklich zutraue. Andernfalls lass ich es lieber sein.
Kamingespräche
Manchmal braucht es Geduld: Für diesen Shot aus dem Jahr 2024 harrte Elias 20 Minuten aus, bis endlich wieder ein Fiaker vorbeiklapperte. Das Problem: Auch die beiden Athleten Dennis K. (links) und Amir K. saßen in dieser Zeit über den Dächern von Wien fest. Elias: „In der Vorbereitung überlege ich mir genau, wie das Licht einfällt oder wo es coole Schattierungen gibt.“ In diesem Fall hatte er dafür 20 Minuten extra.
Streckübung
Elias’ Buddy Simon Weger ist bekannt für Parkour-Boulder-Kombis mit viel Magnesium an den Händen. Anlässlich des Parkour-Meetings „Steel City Jam“ fand er 2022 am Linzer Rathausplatz das perfekte Objekt seines Begehrens: Der Jump von einer Kante dieses Torbogens zur anderen erfordert enorme Sprung- und Griffkraft. „Das Foto zeigt den ersten Versuch, geklappt hat der Sprung erst beim zweiten Anlauf.“
Laterna Magica
Wie auf eine Palme hantelte sich Amir K. 2014 auf diese Laterne am Stephansplatz. „Um einen Absturz oder Sachschäden zu vermeiden, mussten wir erst die Belastbarkeit des Laternenbogens testen“, erzählt Elias. „Oder wie wir sagen: preppen.“ Ob das Foto echt sei, fragte ihn seine Tante, als sie es sah. Aber sicher! Den Einsatz von KI lehnt Elias ab: „Sie würde die Leistung verfremden.“