Argentinien, Tag 10 der Rallye Dakar 2018. Eine Gruppe von sechs Motorrädern heizt durch die Wüste. Eine Sandebene, die immer wieder von ausgetrockneten, nicht einsehbaren Flussbetten durch- zogen wird. Einer aus unserer Gruppe fühlt sich nicht wohl. Sein Name: Matthias Walkner. Sein Problem: Die andern fahren zu schnell. Wie schaffen die es bloß, bei diesem Affenzahn fehlerlos zu navigieren, ohne Zögern Unmengen an Information korrekt zu verarbeiten – bei Tempo 140 km/h und mehr? Walkner nimmt Tempo raus und lässt abreißen.
Einen Grundsatz, den ihm Teamchef und Navigations-Spezialist Jordi Viladoms eingebläut hat, seit Walkner den Umstieg vom Motocross zur Rallye gewagt hatte, würde er unter keinen Umständen verraten: Nie, nie, nie bloß den Spuren der anderen folgen, immer selbst navigieren!
Schließlich kam Eintrag Nummer 349 an diesem Tag. Walkner: „Die Kilometer am Roadbook stimmten mit denen am Kilometerzähler nicht mehr perfekt überein. In solchen Fällen kommt Gefühl oder Instinkt – oder wie immer man das nennen will – ins Spiel. Die Spuren vor mir bogen links in einen Sandtrichter ein, im Roadbook stand aber, dass ich mich rechts halten soll. Doch war das die richtige Stelle in diesem Labyrinth? Vermutlich treffen sich die beiden Ríos bald ohnehin wieder, dachte ich und hielt mich trotzdem sicherheitshalber rechts.
Auf den nächsten Kilometern waren alle Spuren weg. Richtig oder falsch? Auch der Cap, also der Kompasskurs, war mir kein großer Anhaltspunkt, denn der war mit ‚moyen‘ angegeben, war also ein Mittelwert für das Geschlängel durch die Ríos. Zwischen Kilometer 350 und Kilometer 368, bei dem die nächste Info im Roadbook verzeichnet war, hatte ich ewig lang Zeit zum Grübeln, ob ich der Depp war oder doch als Einziger richtiglag.“
Heute wissen wir, wie die Sache aus ging: Der Hiasi lag richtig, machte an diesem Tag sagenhafte 50 Minuten gut und gewann die Rallye Dakar.
Die Dakar ist für einen Motorradfahrer geistig mindestens so fordernd wie körperlich. Alles, was die Fahrer haben, ist eine Papierrolle, auf der Anweisungen stehen. Nur wer es schafft, ihnen präzise zu folgen, sieht überhaupt das Ziel.
Und so funktioniert es: In der linken Spalte sind Entfernungen vermerkt, und zwar absolut und auch relativ im Vergleich zum letzten Referenzpunkt. Weil die Fahrer aber selten eine schnurgerade Linie fahren können, müssen sie den Kilometerzähler permanent nachkalibrieren. In der mittleren Spalte zeigen Piktogramme das Gelände und die Route an, zusätzlich den Kompasskurs. Hier müssen die Fahrer ein eigenes Alphabet mit über 100 Piktogrammen lernen. Ganz rechts stehen allfällige verbale Ergänzungen – und damit das alles nicht zu einfach wird, in Abkürzungen, die auf französischen Wörtern basieren.
Den Kompasskurs präzise einzuhalten erlaubt das Gelände nicht oft.
© Edoardo Bauer / Red Bull Content Pool
Job der Fahrer ist es nicht nur, diese Info während der Fahrt fehlerfrei zu dechiffrieren und umzusetzen, sondern stets auch mit einem Auge bereits auf den nächsten Eintrag zu schielen, um den Überblick zu behalten. Jordi Viladoms: „Man kann es mit dem Lernen einer neuen Sprache vergleichen: Um Navigation wirklich zu beherrschen, muss man üben, üben und nochmals üben. Schnell Motorrad fahren kann an der Spitze jeder. Den Unterschied macht die geistige Kapazität, die für Navigation übrig bleibt.“ Eine Aussage, die Matthias Walkner nur unterschreiben kann.
Sprichst du Roadbook?
Hier kommen vier konkrete Beispiele von verschiedenen Wegpunkten aus Roadbooks. Wir haben sie für euch entschlüsselt.
01
„Jetzt geht's los!"
Bei Kilometer 17,78, 530 Meter nach der letzten Info, befindet sich ein versteckter Kontrollpunkt (C), den zu verfehlen mindestens 15 Minuten Strafzeit bedeuten würde. Achtung, potenzielle Gefahrenstelle, wenn es leicht links offroad in die Dünen (siehe rechts: HP DS DN = hors-piste dans les dunes) geht! Kompasskurs ist 268 Grad.
02
„Ab ins Gelände!"
Bei Kilometer 18,60, 820 Meter nach der letzten Info, geht es von der Route L3 leicht rechts querfeldein in die Dünen, die Straße endet. Kompasskurs ist 180, es geht also geradewegs Richtung Süden. (Das Kürzel HP DS DN kennen wir bereits von der vorigen Seite.)
03
„Aufpassen, hier droht das Ende!"
Achtung: Bei Kilometer 18,94, 340 Meter nach dem letzten Eintrag, muss ich einen Sicherheits-Kontrollpunkt (S) genau treffen. Höchste, weil dritte Alarmstufe! Nach der Ausfahrt aus den Dünen („END DN“) lauert auf schlechter (MVS = frz. mauvais) Strecke ein kaum sichtbarer Graben. Nachdem der überquert ist, geht es mit einem Kompasskurs von ungefähr 80 Grad in einer leichten Rechtskurve weiter.
04
„Vorsicht, nasse Füße!"
Bei Kilometer 21,1, das ist 2,16 Kilometer nach der letzten Anweisung, geht es bergab durch mit Büschen durchsetzte Dünen und einen 300 Meter breiten Fluss. Danach muss ich mich leicht rechts offroad in ein etwa 50 Meter breites Wadi (ausgetrockneter Flusslauf, frz. oued) einfädeln, Kompasskurs durchschnittlich (Moy = frz. moyen) fünf Grad.
05
„Zurück auf die Piste!"
Kilometer 21,33, 230 Meter nach der letzten Info, muss ich an der Spitze der Erhebung nach rechts auf eine gut sichtbare, markierte Piste abbiegen, neben der parallel noch weitere Spuren verlaufen („ET P //“ bedeutet: „et pistes parallèles“).
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