Schiefe Bahn: Claudio beim Shoot auf seinem Pumptrack in Igis, Graubünden.
© Gian Paul Lozza

Claudio Caluori: Der Asphalt-Cowboy

MTB-Legende Claudio Caluori, 45, zieht um die Welt, um Rad-Bahnen zu bauen. Als Abenteuer für Kids, die sonst wenig zu lachen haben. Und als Beweis, dass man schräg sein muss, um wirklich gut zu sein.
Autor: Christof Gertsch
8 min readPublished on
Er weiss ganz genau, was er hier tut. Und du spürst sofort, wie sehr er all das liebt: die Natur, das Velofahren, die Geschwindigkeit, das Erzählen. Er jauchzt und jubelt, er redet schneller, als er fährt und nachdenkt. Man hört den Fahrtwind, das Knirschen der Erde unter den Rädern und das kalte Klatschen der Steine. Kaum je zeigte jemand seine Begeisterung für den Radsport schöner als Claudio.
Wer Claudio Caluori, den siebenfachen Schweizer Mountainbike-Meister, nicht kennen sollte, googelt am besten schnell seinen Namen und klickt dann auf eines der «Course Preview»-Videos aus dem Such­ergebnis. Mit seiner Helmkamera rast er da auf dem Mountainbike die Downhill-Strecken hinunter und kommentiert dazu jede Passage, dass es einem vorkommt, als würde man selbst im Sattel sitzen. Vor mehr als zehn Jahren hat Caluori diese Form der Streckenbesichtigung in den Bikesport gebracht und damit schnell Kultstatus erlangt: Die Videos wurden millionenfach geklickt, und Caluori wurde viel bekannter, als er es als Bike-Profi je gewesen war.

3 Min

Claudio Caluori's Scariest Course Preview: Rampage

Claudio Caluori besiegt seine Nerven und zeigt uns einen POV-Run am Rande des Abgrunds bei Red Bull Rampage

Claudio Caluori, 45 Jahre alt, aufgewachsen in Zürich, viel herumgezogen, sesshaft geworden in Chur, ist einer, der sich stets von der Freude, von der Neugier, von der Lust auf Neues leiten lässt. Er hat schon immer mehrere Dinge gleichzeitig ausprobiert und ausser der unvermeidlichen Schule nie eine Ausbildung abgeschlossen, sondern sich immer alles selbst beigebracht. Dass er sich also seit einigen Jahren zunehmend auf eine einzige Sache konzentriert – und inzwischen sogar die Streckenbesichtigungen eingestellt hat –, muss also etwas heissen. Aber was?
Caluori, sieben­facher MTB-Meister, zeigt immer gerne, was er am Velo kann.

Caluori, sieben­facher MTB-Meister, zeigt immer gerne, was er am Velo kann.

© Gian Paul Lozza

Im Rahmen seines Projekts «Pump for Peace» baut Caluori seit 2017 Pumptracks in Regionen, die sich das selbst nicht leisten könnten. Ein Pumptrack – dies kurz zur Erklärung – ist eine Wellen- und Muldenbahn für alles, was Räder, aber keinen Motor hat: Bikes, Trottinetts, Skateboards. Auf einem Pumptrack tritt man nicht, man pumpt. Man kreiert Geschwindigkeit durch das Hochdrücken des Körpers aus der Tiefe. Wer einen Pumptrack beherrscht, kommt in den dazugehörigen Steilwandkurven auf so viel Tempo, dass danach mehrere Wellen auf einmal übersprungen werden können. Und Caluori ist der Pumptrack-Pionier. Vor ihm bestanden Pumptracks aus ein paar dreckigen Erdhügeln, die bei Regen im eigenen Schlamm versanken. Doch dann kam der Asphalt-Cowboy angeritten.

Bergdörfer und Weltstädte

Caluoris kleine Revolution ist das Ergebnis mehrerer Einfälle, die aufeinander aufbauen, einander teilweise widersprechen und von verschiedenen Leuten stammen. Sie nimmt ihren Anfang im Jahr 2009 auf dem Zürichberg, als Caluori einem Freund dabei half, einen Pumptrack zu bauen und mit einem Zementgemisch zu stabilisieren. Das hatte die Stadt so bestellt. Aber Caluori glaubte nicht an die Idee und baute kurz darauf in seinem damaligen Wohnort Jenaz im Prättigau den ersten Pumptrack aus Beton. Es folgten weitere Beton-Pumptracks in Chur, Mendrisio, Pontresina, Zürich.
Wenn du eine Idee wirklich umsetzen willst, rechne damit, dass man dich für verrückt hält.
Claudio Caluori
Dann bekam Caluori einen Anruf von Alex Jost, dem damaligem Leiter des Churer Gartenbauamts. Jost fragte: «Warum ver­suchst du es nicht mit Asphalt?» Für alle, die nicht im Strassenbau arbeiten: Asphalt ist eine Mischung aus Gesteinskörnungen und dem Bindemittel Bitumen. Der schwarze Gummi entsteht, wenn man dem Erdöl Benzin, Petroleum, Diesel-, Heiz-, Maschinen- und Gasöl entzieht. Was Asphalt nicht ist: Teer. Teer ist krebserregend und im Strassenbau seit Jahrzehnten verboten.
Also Asphalt. Caluori gefiel der Vorschlag, weshalb er sich bald darauf im Werkhof eines Bündner Strassenbauunter­nehmens ans Werk machte. Er baute eine Testkurve, um sie versuchshalber asphaltieren zu lassen: Konnte das klappen, mit Asphalt nicht einfach nur eine ebene Strasse herzustellen, sondern eine komplexe Gestalt zu formen, die von einer Bodenwelle in eine konkave Form übergeht und wieder in eine Bodenwelle mündet? Unglaublich, dachte Claudio Caluori, es funktioniert wirklich! Wenig später baute er in Chur den Prototyp des Pumptracks, dessen Weiter­entwicklung er seither mehr als 600 Mal überall auf der Welt errichtet hat: in Bergdörfern und Weltstädten, in Urwäldern und an Wüstenrändern.
Asphalt ist robuster und günstiger als Beton. Ein Beton-Skatepark kostet schnell ein paar Millionen, einen Asphalt-Pumptrack von Caluori bekommt man ab 200.000 Franken. Das war ein Teil der Revolution: dass ein Pumptrack für weniger Geld zu haben war als ein Skatepark. Plötzlich konnten auch finanzschwache Ortschaften ihren Jugendlichen etwas bieten. Ausserdem hat Asphalt mehr Grip als Beton, man kann sich also auch auf einen Pumptrack wagen, wenn man das Velo bisher nur für die Fahrt ins Schwimmbad benutzt hat.
Der Leiter des Churer Gartenbauamts ist längst pensioniert, aber Caluori meldet sich immer mal wieder bei ihm, um ihm zu erzählen, was seit den Anfängen der Idee, seiner Idee, geschehen ist: Caluoris Firma Velosolutions beschäftigt heute 350 Mit­arbeitende in 25 Ländern und erwirtschaftet pro Jahr über 27 Millionen Franken Umsatz. In den ersten Jahren kümmerte sich Caluori um alle Baustellen noch selbst, war monatelang weg von zu Hause und den zwei Kindern. Herkömmlichen Bagger­fahrern, befand er, fehle das Verständnis für das Zusammenspiel der Wellen und Kurven. «Du musst selbst ein Pumptrack-Fahrer sein, um zu spüren, wie die Piste geformt werden soll», sagt er.
Verkehr verkehrt: Claudio Caluori in der Steilkurve.

Verkehr verkehrt: Claudio Caluori in der Steilkurve.

© Gian Paul Lozza

Inzwischen ist sein Team so gross, dass er andere ehemalige Sportler in die Auf­gabe eingearbeitet hat. Doch selbst wenn er wollte, könnte er nicht mehr auf jeder Baustelle sein: Seine Firma setzt inzwischen mehrere Projekte gleichzeitig um. Zudem hat er sich einer neuen Herzenssache angenommen: «Pump for Peace». Sozusagen die Fortsetzung der Velosolutions-Idee mit anderen Mitteln. Und weniger Mitteln.

Und plötzlich die Gewissensfrage

Alles begann im Jahr 2014 im thailändischen Dorf Aranyaprathet an der Grenze zu Kambodscha. Ein lokaler Politiker hatte bei Caluori einen Pumptrack bestellt, der erste Auftrag ausserhalb Europas. Drei Wochen dauerte der Bau. Zusammen mit ein paar Locals trug Caluori den Humus ab und planierte den Boden. Sie brachten den Kies und begannen ihn zu formen. Sie legten eine Drainage, damit das Regenwasser abläuft. Das Team harmonierte, alles lief reibungslos. Aber eine Sache störte.
Am Anfang war Zement, dann Beton, dann Asphalt. Klingt hart, wurde aber zur sanften Revolution
«Ist das nicht dekadent?», fragte sich Caluori. Schon seit seiner Ankunft wurde er von den Kindern aus dem Dorf neugierig beobachtet. Sie lebten in Blechhütten, liefen in Stofffetzen herum. «Diese Menschen haben nichts», dachte Caluori, «warum stellen wir ihnen dann einen Pumptrack hin? Ist der am Ende nur für die Reichen?» Er schämte sich, hielt sich für einen ignoranten Westler. Was dann geschah, rührt ihn noch heute – fast zehn Jahre später – zu Tränen, wenn er davon erzählt.
Manchmal «nur» waagrecht, manchmal sogar ein bisschen mehr.

Manchmal «nur» waagrecht, manchmal sogar ein bisschen mehr.

© Gian Paul Lozza

Kaum hatten sie nämlich Asphalt über den Kies gelegt, näherten sich von überall­her Kinder. Keiner wusste, wie, aber sie alle hatten irgendwo alte Fahrräder aufgetrieben – und innert weniger Minuten verwandelten sie den Pumptrack in ihr kleines Paradies. Auf und ab, pumpend, springend, aber stets vorwärts. Und durch steile Kurven, ein Kick, ein Kitzel, eine Challenge, aber ohne Gefahr. Das Abenteuer Leben, so wie es sein sollte. Als Ablenkung vom ganz alltäglichen Überlebenskampf.
«It’s times like these you learn to live again, it’s times like these you give and give again, it’s times like these you learn to love again», singt Dave Grohl, Frontman der Foo Fighters in «Times Like These». Leben, lieben. Und die Kids dabei zu unterstützen, sich ihren Optimismus zu erhalten. Und da Caluori ganz nebenbei auch ein ansehn­licher Gitarrist ist, spielt er den Song immer und immer wieder. Irgendwann einmal würde er ihn gerne mit Grohl gemeinsam performen. Und – Caluori glaubt an seine Ideen, auch wenn sie hoch gegriffen sind.
Und so dachte er, dass das, was in Thailand funktionierte, doch auch möglich sein müsste, wenn nicht irgendein steinreicher Politiker die Baukosten übernimmt. So entstand die «Pump for Peace»-Idee. Aber wer sollte das finanzieren? Selbst wenn Caluori die Arbeitszeit seiner Crew gratis zur Verfügung stellen würde, bräuchte es jemanden, der das Areal stellt, die Gerätschaft bezahlt, das Material organisiert. Zudem wollte Caluori in Krisenregionen oder in Ländern des Globalen Südens die Einheimischen in den Aufbau des Pumptracks involvieren. Aber wer würde deren Löhne übernehmen?
Drei Jahre nach dem Erlebnis auf der Baustelle in Thailand fand Caluori die Person, die er suchte: einen Regisseur, der in Lesotho, einem kleinen Königreich im Süden Afrikas, einen Bike-Film drehen wollte und sich den Ex-Profi Caluori für die rollende Hauptrolle wünschte. «Ich kann nicht», antwortete dieser, gerade auf einer Baustelle in Chile beschäftigt, und die nächsten Pumptracks waren schon bestellt. Doch der Regisseur liess nicht locker, bis Caluori sagte, er mache mit unter einer Bedingung: dass sich die Reise nach Lesotho mit einem «Pump for Peace»-Projekt verbinden lasse.
Caluori spielt gerne & gut Gitarre, manch­­mal mit der Band Okto Vulgaris.

Caluori spielt gerne & gut Gitarre, manch­­mal mit der Band Okto Vulgaris.

© Gian Paul Lozza

«So ein Zufall», sagte der Regisseur, er wisse da von jemandem, der sich in Lesotho schon lange einen Pumptrack wünsche, nur habe er bisher niemanden gefunden, der sich um den Bau kümmere. Im Jahr 2017 setzte Caluori in Lesotho sein erstes «Pump for Peace»-Projekt um. Seither sind – finanziert durch Spenden, Sponsoren und Velosolutions selbst – schon 16 weitere entstanden, in Südafrika, Uganda, Ruanda, Kenia, Nepal und Armenien. Im Gespräch sind weitere Tracks in Nepal, Südafrika, Ruanda, Uganda, Kolumbien, Trinidad und Tobago, Äthiopien und im Libanon. Eine Weltrevolution der Asphalt-Cowboys!
Sein grosser Traum: eine Jamsession mit Foo Fighter Dave Grohl.
Caluori sagt, die Arbeit auf den Baustellen erfülle ihn. «Anderen Menschen mit meiner Arbeit Freude zu bereiten ist für mich etwas vom Schönsten im Leben.» Sechs Jahre nach dem Anfang sind noch alle «Pump for Peace»-Pumptracks in Betrieb, nur bei einem gibt es Probleme. Es ist ausgerechnet jener in Lesotho. Der Track steht auf dem Gelände einer Touristen-Lodge, und der neue Pächter will nicht, dass die Jugend aus den umliegenden Dörfern seine Gäste stört. Aber Caluori und seine Crew arbeiten schon an einer Lösung, mit dem Besitzer der Lodge verhandeln sie bereits über deren Kaufpreis.
«Wenn du eine Idee umsetzen willst, hab keine Scheu, allen davon zu erzählen, einfach allen», sagt Claudio Caluori. «Du darfst keine Angst haben, dass dir jemand die Idee streitig macht oder man dich für verrückt erklärt. Ganz egal, wie viele dich für einen Schwätzer halten. Vielleicht dauert es Jahre, aber irgendwann findest du die Person, die an deine Idee glaubt.» Selbst wenn die Person Dave Grohl heisst, ein Rockstar ist und gemeinsam mit dem Schweizer Asphalt-Cowboy «Times Like These» singen soll.