Angesichts einer weltweiten Krise sind Spieleautoren jetzt nicht unbedingt die Ersten, die man zu Hilfe ruft – würde man meinen. Und doch sieht es ganz so aus, als würde die Rettung der Welt nun auf eine spielerische Ebene verlagert. Gemeinsam mit der Wissenschaft sucht eine neue Generation von Gamern jetzt nach Antworten auf ungelöste Fragen: 2011 etwa entdeckten tausende Spieler des Online-Rätselspiels «Fold it» binnen drei Wochen die Ursache einer Aids-ähnlichen Erkrankung bei Affen. Zuvor war 15 Jahre lang keine Lösung für das Problem gefunden worden.
Im März diesen Jahres war die Klimakrise dran. Das Londoner Festival «Now Play This» lud Naturwissenschaftler, Gamer und Künstler zum Spiel. Einen der Workshops leitete die Spiele-Erfinderin Jana Wendler – ihr 2018 veröffentlichtes Online-Game «Missing» widmet sich der Suche nach Abgängigen. Natürlich lasse sich die Klimakrise nicht in vier Tagen lösen, sagt Wendler. Aber indem wir an grosse Probleme spielerisch herangehen, können wir «alle dazu beitragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen».
Dinge verändern ohne Konsequenzen
Grosse Entscheidungen, die uns im wirklichen Leben nicht so leicht von der Hand gehen, lassen sich im Spiel ganz einfach ausprobieren, erklärt Wendler. «Da können wir Dinge verändern, ohne dass es in der realen Welt Konsequenzen hat. Das weckt Vertrauen in die Aktivitäten und die Arbeit ausserhalb des Spiels. Beim Spielen interagiert man mit der Welt, ihren Menschen und ihren Ideen.»
Beim Spielen interagieren wir mit der Welt.
Zusammenarbeit
«Spiele haben so viel Potenzial, verschiedene Sichtweisen zusammen zuführen», sagt Wendler. «Forschern fällt es oft schwer, ihre Erkenntnisse zu vermitteln. Spieledesigner dagegen erzählen Geschichten und ermöglichen es, mit den Informationen zu interagieren. Mit einem Spiel, das diese beiden Elemente verbindet, kann Raum für etwas Neues entstehen.»
Gamifiziere deinen Tag
Bei Alltagsaufgaben Punkte zu sammeln kann die Produktivität steigern. Wendler: «Vom Standpunkt der Spielgestaltung aus nennt man das Gamifizierung. Bei manchen digitalen Spielen erreicht man ein neues Level, indem man den Abwasch macht.»
Sei jemand anders
Spiele erlauben uns, eine andere Perspektive einzunehmen. «Sie können zum Beispiel den Bösen spielen und schauen, was das mit Ihnen macht.»
Kreativer Blödsinn
Zur Gamifizierung braucht es nichts als einen spielerischeren Blick auf die Welt. Dafür muss man nicht einmal online gehen. Gamifizierung funktioniert auch analog. «Widmen Sie einfach die Gegenstände in Ihrem Umfeld um», meint Jana Wendler. «Ohne grossen Aufwand können Sie zum Beispiel coole Dinge aus Karton basteln. Oder legen Sie einfach eine LED in einen Flaschenverschluss, und schon haben Sie ein kleines leuchtendes Spielzeug. Blödeln Sie herum mit den Dingen, die da sind, und beobachten Sie, was passiert.»
Das Festival «Now Play This» findet jedes Jahr im Somerset House in London statt: nowplaythis.net.
Jana Wendlers wissenschaftsbasierte Gaming-Arbeiten finden Sie auf: playfuel.co.uk