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Absolute Beginner – Bambule
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Beginner – „Bambule“: detailverliebter Hamburger HipHop-Meilenstein
Perfekt platzierte Features, unendlich viel Style und mindestens 99 Details machen „Bambule“ zum Hamburg-Klassiker des Jahrgangs 1999 – obwohl es schon 1998 erschien.
Autor: Wenzel Burmeier
5 min readPublished on
Bis heute gibt es keine Crew, die den Sprung in die Professionalität so elegant hingelegt hat wie die Beginner. Anfang der Neunziger fanden vier pubertäre Jungs aus Hamburg-Eppendorf in Rap einen Spielplatz, auf dem sie ihre juvenilen Fragen nach Identität verhandeln konnten. Die Punk-Welt des Nordens empfing die Jungs mit offenen Armen und brachte ihnen das 101 des Selbermachens bei. Das erste Album der Absoluten Beginner erschien noch bei einem Label, das sich vor allem mit Gitarren auskannte, und die damals noch vier Bandmember wollten musikalisch erstmal alles ausprobieren. Dann kam der Zivildienst.
Ende der Neunziger waren die Beginner gerade mit der Schule fertig und widmeten jede freie Minute der Musik. Ein gutes Jahr lang hieß es Rap, Rap, Rap. Man bastelte Beats unterm Hochbett im Kinderzimmer, gründete mit Eimsbush ein eigenes Label, um Kollegen zu supporten und stachelte sich immer wieder gegenseitig an, den besten Part zu schreiben. Gleichzeitig wuchs das, was man ein paar Jahre zuvor lostrat, zu einer richtigen Perspektive heran. Plattenfirmen zeigten plötzlich Interesse an diesem neuen Sound namens Deutschrap, mit dem sie selbst noch nicht so recht umzugehen wussten. Die Beginner hatten Bock, dass was geht und nahmen ihre Chance wahr. Sie unterschrieben beim Major-Label Universal – unter einer entscheidenden Prämisse: Über das, was sie kreativ schufen, wollten sie die volle Kontrolle behalten.
Wahrscheinlich klingt “Bambule” deshalb so zeitlos, weil die Beginner ein unglaubliches Spannungsverhältnis meisterten: Das große Label wollte die Single, die Beginner wollten keine Kompromisse. Am Ende vereinten sie beides. Sie nutzten die neuen Mittel, nahmen dank neuem Budget jede mögliche Studiominute (die damals noch bares Geld kostete) wahr und zimmerten zwölf Songs, von denen jeder eine Single hätte sein können, wäre es nach ihnen gegangen.
“Bambule” erschien schon 1998, hielt sich aber über viele Monate in den Charts und erlebte seine höchste Chartplatzierung tatsächlich im Sommer ’99. Als mir “Bambule” in die Hände fiel, war ich gerade zwölf Jahre alt. Im Jahr zuvor war ich noch auf einer vom Lebensmittelhändler minimal (R.I.P.) gesponserten Veranstaltung namens Happy Family, um Nanas Vollplayback zu “Lonely” zu bestaunen. Dann lief in meinem Discman (R.I.P.) plötzlich “Das Boot”, der Einstieg ins Beginner-Album, und zog mich in eine neue Welt. Die Ansage des Fährmeisters, mit der das Album begann, machte mich irgendwie stolz. Ich wuchs in Hamburg auf und hier machten mal eben ein paar Jungs klar, dass das hier auch ihre Heimat ist. Aber das hier war kein blinder Lokalpatriotismus. Schon im ersten Part ging es um schmelzende Pole und Flutwellen von Sondermülltonträgern. Ich verstand nur die Hälfte, fand aber alles geil. Vor allem auch, weil ich Zugang fand zu dem, was ich hörte. Meine Pop-Sozialisation ließ zu, dass dieser melodiefreudige Rap-Entwurf bei mir hängenblieb. Aber ich spürte auch, dass sich mit jedem kleinen Detail auf diesem Album eine neue Tür in diesen Kosmos namens Deutschrap öffnete.
"Bambule" ist so detailverliebt, dass man diesen ganzen Text nur mit absurden Background-Stories füllen könnte. Zum Beispiel mit der legendären Nachricht von Prof. Schlaumeier auf Eizi Eiz’ Anrufbeantworter am Ende von “Füchse”. Noch während der Aufnahme des Songs merkte Produzent Arfmann, dass ihm der Refrain über Füchse und Rudeltiere irgendwie falsch vorkam. Ein Blick ins Lexikon verriet, dass Füchse gar keine Rudeltiere sind. Aber Eizi fand die Aufnahme mega, den Reim fett. Also imitierte er spontan die Stimme von Platin Martins Mutter (dem ehemals vierten Beginner), die immer (zu) gut gemeinte Sprüche und Kakao da hatte, wenn man bei Martin zuhause neue Tracks aufnahm. “Bambule” ist voll solcher kleiner Details, die zum Nerdtum anregten. Ich wollte auch wissen, wer diese ganzen Namen sind, die Eizi in dem “Fahr’n” grüßt und fand heraus, dass es sich bei all denen um Hamburger Homies handelte und verstand, dass man hier einen Zusammenhalt zelebrierte.
Überhaupt Kollegen: Die Features auf “Bambule” waren perfekt platziert. Die Stimmen von Eizi Eiz und Denyo allein hätten gereicht, um mit ihrem Zusammenspiel – der eine nasal, der andere im Bariton; der eine mit Singsang, der andere mit gerappter Lässigkeit – einen Klassiker zu füllen. Aber die Beginner wussten auch, dass sie nicht so rappen können wie Sam und ließen ihn selbstlos auf “Füchse” glänzen. Mit David P. zollte man der Jam-Ära Tribut und Ferris MC und Das Bo engagierte man für einen arroganten Track, der heute, nach allem was danach in der Aggro-Ära passierte, erschreckend harmlos wirkt, damals aber wohl klarstellen sollte, dass man in Hamburg nicht als Spaß-Fraktion verstanden werden wollte. Weil man das mit der Musik eben ernst nahm.
Hört man “Bambule” zwanzig Jahre später, fällt eines auf: Ende der Neunziger nutzte man noch ziemlich viele Worte, um eigentlich immer wieder zu sagen, dass man der Geilste ist und irgendwie Style hat, im Zweifel halt auch mehr als die Anderen. Hängt man sich an diesem Detail auf, kann man glatt überhören, wie unglaublich dieses Album noch immer klingt. Wie zugänglich es noch heute für Menschen ist, die mit HipHop gar nichts am Hut haben – genauso wie für Menschen, die in dieser Kultur komplett aufgegangen sind. Man kann sich aber auch einfach in einem der anderen 99 Details verlieren.

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