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„Cosplays zu tragen ist ein Erfolgserlebnis!“
Cosplayerin Meruna nimmt uns mit hinter die Kulissen ihrer starken Outfits.
Auf nahezu jedem Gaming-Event sieht man heutzutage auch Cosplayer, die verkleidet als Charaktere aus verschiedenen Spielen aus der Menge hervorstechen. Mit ihren aufwendigen Kostümen sind die aber auch ein echter Hingucker. Besonders die ESL One ist zu einem großen Sammelpunkt für Dota 2-Cosplayer geworden und fördert dieses aktiv. Neben einem eigenen Wettbewerb haben Cosplayer auch freien Eintritt zum Turnier. Im letzten Jahr waren es daher in Frankfurt schon 45 verschiedene Kostüme, dieses Jahr werden es wohl über 60.
Wir haben die Vengeful Spirit-Cosplayerin Meruna zu ihren Erfahrungen mit Cosplays und der Community befragt. Im Interview erzählt sie uns von ihren Lieblingscosplays, wie viel Arbeit hinter einem Kostüm stecken kann und was ihr an der Vorbereitung besonders gefällt.
Stell dich kurz vor. Wer bist du und was machst du normalerweise?
Hallo! Mein Name ist Meruna, ich bin 22 Jahre alt und komme ursprünglich aus Stuttgart. Im Moment studiere ich einen Kommunikations-Master an der University of Aarhus in Dänemark. Die Zeit, dir mir neben Studium und Nebenjob noch bleibt, widme ich am liebsten dem Cosplay.
Wie bist du zuerst mit Cosplay in Berührung gekommen?
Lustigerweise weiß ich das nicht mehr genau. Ich war 2008 das erste Mal auf der Games Convention, damals noch in Leipzig. Etwa zur gleichen Zeit begann ich, Cosplayblogs auf der deutschen Communityseite animexx zu lesen. Nach einer Weile beschloss ich: Das muss ich auch ausprobieren.
Was war dein erstes Cosplay?
Mein erstes Cosplay war eine Seraphim aus Sacred 2, die ich zur gamescom 2010 trug. Das Kostüm hielt mehr schlecht als recht zusammen und erkannt wurde ich auch nur einmal, aber ich wusste definitiv, dass ich wieder (und besser!) cosplayen wollte.
Was war das außergewöhnlichste Cosplay, das du gemacht hast und für welches Event?
Mein außergewöhnlichstes Cosplay ist sicherlich Vengeful Spirit aus Dota 2. Außergewöhnlich daran ist nicht nur die blaue Hautfarbe des Charakters, sondern auch die lange Vorbereitungszeit, die ich vor jedem Tragen investiere. Da ich das Kostüm auf der DreamHack Winter 2014 in Schweden und auf der ESL One Frankfurt 2015 in Frankfurt trug, musste ich es so bauen, dass es sich komplett in einem Koffer verstauen ließ. Dementsprechend braucht es rund eine Stunde und über 50 Schrauben, bevor Rüstung und Flügel wieder zusammengebaut sind. Dazu kommen zirka eineinhalb bis zwei Stunden schminken und weitere 30 Minuten zum Ankleiden.
Welches ist dein Lieblings-Cosplay?
Mein Lieblingscosplay ist meistens das neuste, in diesem Fall also mein Wraith King. Man lernt schließlich mit jedem Projekt dazu, daher finde ich, dass dieses Cosplay mein handwerklich bestes ist. Wraith King ist das erste männliche Design, das ich gecosplayt habe ‒ allerdings sieht man davon wenig, da es eine Vollkörperrüstung ist. Ich konnte hierfür ein Material namens EVA-Schaum verwenden, mit dem ich zuvor nicht gearbeitet hatte, und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Der erste Contest mit Wraith King wird auf der ESL One Frankfurt sein und ich freue mich schon darauf!
Welches Cosplay hat am meisten Aufwand gemacht oder Zeit gebraucht?
Rein an der Zeit gemessen saß ich die meisten Stunden wohl an Vengeful Spirit, da es meine erste Rüstung war und ich viele Techniken zum ersten Mal ausprobierte. Am Aufwändigsten war aber mein Guardian aus dem asiatischen MMO Echo of Soul, das ich bisher nur auf der DreamHack Winter 2015 trug. Da ich eine besonders glatte Oberfläche der Rüstung anstrebte, verwendete ich Gesso als Grundierung, das viele Schichten dick aufgetragen und anschließend geschliffen wird…. viele, viele Stunden lang. Zum Glück zahlte sich die Geduld aus, da ich mit diesem Kostüm im Wettbewerb den dritten Platz belegte!
Hast du mal an einem Gruppencosplay teilgenommen?
2011 trug ich mit meinem damaligen Freund ein Partnercosplay zur gamescom. Er war Dark Link, ich Midna aus The Legend of Zelda. Ich würde gerne in der Zukunft ein Partner- oder Gruppencosplay machen und damit eventuell auch an einem Performancewettbewerb teilnehmen.
Wonach entscheidest du, welchen Helden du cosplayst? Was ist der wichtigste Faktor?
Für viele Cosplayer ist der Charakter und die Geschichte einer Figur ausschlaggebend ‒ sie fühlen sich verbunden, können sich in die Figur hineinversetzen oder möchten den Charakter der Figur ausleben. Ich hingegen entscheide meine Projekte recht pragmatisch: Ich wähle ein Design, das mich gestalterisch anspricht und das für mich eine Herausforderung darstellt. Gerne wähle ich deshalb Designs, für deren Umsetzung ich mich mit neuen Techniken oder Materialien auseinandersetzen muss.
Was macht dir am meisten Spaß daran?
Der größte Spaß für mich ist die Logistik hinter dem Kostüm: Welche Techniken werde ich anwenden, welche Materialien brauche ich dafür, wo kann ich diese kaufen? Zudem stelle ich mich gerne der Herausforderung des Transports, da ich kein Auto besitze und deshalb mit Zug oder Flugzeug anreise. Die Kostümteile müssen also teilweise zum Auseinandernehmen und (möglichst unsichtbaren) Zusammenfügen konstruiert werden.
Cosplay ist auch viel Arbeit und braucht viel Zeit und Geld. Wie stehst du dazu?
Das stimmt natürlich. Mein Vengeful Spirit-Cosplay hat über den Zeitraum von fast einem halben Jahr insgesamt zirka 400€ und 300 Arbeitsstunden verschluckt. Das macht es meinem Ermessen nicht teurer oder mehr aufwändig als andere Hobbies, für die man Leidenschaft hat. Und schließlich ist es einem jeden selbst überlassen, wie viel man in sein Hobby investieren kann ‒ es gibt immer günstige und teure Alternativen.
Wie oft musst du dein Cosplay Last-Minute vervollständigen? Was sind die Gründe?
Zum Glück habe ich von Natur aus ein relativ gutes Zeitgefühl und weiß, wann ich anfangen muss, mich zu beeilen. Ich bastle definitiv am Abend vor der ersten Convention mit dem neuen Cosplay, habe aber noch nie eine Nachtschicht einlegen müssen. Cosplay soll ja primär Spaß machen, daher arbeite ich lieber in einem angenehmen und konstanten Tempo, als erst zwei Wochen vor dem Event anzufangen.
Wie kombinierst du Cosplay mit anderen Aktivitäten?
Da meine Kostüme zwar nicht übermäßig viel, aber durchaus etwas Haut zeigen können, ist Cosplay eine gute Motivation für mich, Sport zu treiben. Auf einem Event werden natürlich viele Fotos geschossen, die dann im Internet landen; und ich möchte mich im Nachhinein über diese freuen und nicht über Doppelkinns ärgern müssen.
Kannst du uns etwas über den Herstellungsprozess erzählen, welche Materialien du z.B. nutzt und wie lange es für gewöhnlich dauert?
Meine drei letzten Kostüme haben alle etwa je 3-4 Monate Herstellungszeit gebraucht. Der Prozess beginnt mit der Planung, wie ich welches Kostümteil anfertige. Manche Cosplayer fertigen hierbei Detailzeichnungen an, ich bin dafür allerdings zu unbegabt und plane lieber im Kopf. Hier geht es auch um die erwähnte Logistik, also dass ich das Kostüm zum Event transportieren (sprich, falls nötig zerlegen) und es auch an mir befestigen kann.
Anschließend kaufe ich die benötigten Materialien ‒ da ich in Dänemark wohne, bestelle ich gerne kostengünstig aus Deutschland. Ich probiere gerne neues und habe deswegen schon mit einigen verschiedenen Materialen gearbeitet, z.B. Worbla, Polymorph Plastic, EVA-Schaum, verschiedene Primer, verschiedene Farben (Acryl, Sprühfarben, Airbrush-Farben), früher aber auch mit weniger spezifischen Materialien wie Pappmaché oder Pappe. Für welche Materialien ich mich entscheide, hängt ganz vom Design und den Anforderungen ab. Oft ist es eine Frage der Balance zwischen (1) was das beste dauerhafte Resultat ergibt, (2) ob ich dazu die entsprechenden Fähigkeiten habe und (3) natürlich die Frage nach Geld und Zeit. Zum Beispiel erzeugt eine Grundierung der Rüstung mit Gesso ein tolles Ergebnis und ist auch recht einfach, aber sehr zeitaufwändig. Eine Grundierung mit einem Sprayfüller ergibt zwar ein gutes Ergebnis in kurzer Zeit, kann aber sehr teuer werden. Und schließlich kann man seine Rüstungsteile auch aus Gießharz anfertigen oder einen Vakuumformer zu Hilfe nehmen, was aber meine Fähigkeiten und Mittel übersteigt.
Ist das Material da, geht es an das Erstellen von Schnittmustern, also aus welchen Teilen sich ein Rüstungs- oder Kleidungsstück zusammenpuzzelt. Anschließend folgt bei Rüstung die tatsächliche Anfertigung, das Grundieren und Schleifen (sofern nötig), das Anbringen der nötigen Befestigungen (z.B. Klettband) und die Bemalung.
Wie viel Freiheit nehmt ihr euch, bei der Gestaltung der Kostüme?
Ich persönlich halte mich sehr genau an das Referenzmaterial (z.B. mithilfe eines Model-Viewers), fertige aber alle Schnittmuster von Hand an. Es gibt ein Programm namens Pepakura, das ein 3D Model "auffaltet", sodass man es ausdrucken und zusammenfalten kann. Damit hat man ein exaktes Replikat des Models. Mir persönlich ist so viel schneiden, falten und kleben aber zu eintönig. Freiheiten bei der Gestaltung nehme ich mir sonst nur aus pragmatischen Gründen. Zum Beispiel skalierte ich das Schwert meines Wraith Kings herunter: Laut Vorlage sollte es größer sein als ich selbst, aber in einer Hand gehalten werden. Das ist mir nicht möglich ‒ zudem erlauben viele Events keine Waffen, die größer als 1,50m sind.
Was ist das wichtigste am Cosplay?
Cosplay sollte primär Spaß machen. Wer mit anderen Erwartungen das Cosplayen beginnt, wie z.B. Preise zu gewinnen oder berühmt zu werden, kann nur enttäuscht werden.
Fallt ihr als Cosplayer auf Events sehr auf? Werdet ihr oft von Fans nach Fotos oder ähnlichem gefragt?
Als Cosplayer fällt man natürlich sehr auf, gerade in entsprechenden Kostümen. Wie das Ganze dann aufgenommen wird, hängt vom Event ab. Auf der gamescom und der ESL One ist Cosplay ein zentraler Bestandsteil, und dementsprechend viele Besucher freuen sich über Cosplayer und machen Fotos mit uns. Auf der DreamHack, die vom Kern her eine LAN-Party ist, fällt man zwar ebenfalls auf, wird aber kaum bis gar nicht nach Fotos gefragt. Das ist schade, da die DreamHack regelmäßig tolle und hochprämierte Cosplaywettbewerbe durchführt, sich aber nur ein geringer Teil des Publikums dafür interessiert.
Fühlst du dich anders, wenn du ein Cosplay anhast?
Natürlich! Zum einem fühlt man sich anderes, weil man eine große Rüstung trägt, aufpassen muss, in keiner Tür hängenzubleiben oder einen Rüstungsteil zu verlieren ‒ andererseits ist das Tragen von Cosplays für mich immer ein Erfolgserlebnis. Ich arbeite oft monatelang an den Kostümen und zu sehen, dass sich die harte Arbeit gelohnt hat, ist ein tolles Gefühl.
Braucht es viel Mut um mit einem Cosplay in die Öffentlichkeit zu treten? Musstest du am Anfang über deinen Schatten springen?
Während ich kein Problem mit dem Cosplayen auf einem Event habe, kann es schon seltsam sein, für Fotoshoots oder auf dem Weg zu Events in der Öffentlichkeit unterwegs zu sein. Neulich besuchte ich die Polymanga in der Schweiz, die wir vom Hotel zu Fuß aufsuchten. Während manche Passanten uns durchaus belustigt begutachteten, schienen andere gar geschockt. Da hilft zurücklächeln und auf das Event freuen. (lacht)
Für viele Leute bedeutet Cosplay auch Sexyness, was ist deine Meinung dazu?
Viele sexy Designs entspringen nicht der Feder von Cosplayern, sondern Designern und Grafikern von Animes, Mangas, Comics oder Videospielen. "Sex sells" ist kein Geheimnis, also sind viele fiktive weibliche Charaktere schlank, großbusig und dazu noch leicht bekleidet (ähnliche Stereotype gibt es natürlich auch für das andere Geschlecht). Sucht man als Cosplayer nicht bewusst nach abweichenden Designs, muss man sich früher oder später mit seinen persönlichen Grenzen auseinandersetzen und diese für sich festlegen. Ob und mit welchen Motiven man also entsprechende Charaktere cosplayt, bleibt einem selbst überlassen.
Was mir persönlich nicht gefällt, ist wenn Designs so umgestaltet werden, dass die Sexyness vor allem anderen steht ‒ also Cosplay nur als Mittel zum Zweck. Deshalb fokussiere ich mich lieber auf die Handwerkskunst und überlasse solche Cosplays anderen.