Rap 💯
#Deutschrap25 erzählt die Geschichte des deutschen HipHop in 25 Songs – als Stories, Podcasts und Videos. Wir beleuchten die Evolution des Genres und erklären, was die Generationen auszeichnet. Alle #Deutschrap25-Inhalte findest du hier.
1997 Freundeskreis „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte”
Neunzehnhundertsiebenundneunzig – wichtig für mich als auch geschichtlich. Warum? Weil mir in dem Jahr schlagartig klar wurde, dass ich zwar über überdurchschnittlich stark ausgeprägtes Statistik-Fachwissen auf Panini-Sammelkarten und akzeptables Talent am PlayStation-Joypad verfügte, aber von vielen Dingen auch noch erschreckend wenig Ahnung hatte.
Meine Wissenslücke wurde mir nicht etwa nach einem verhauenen Test, sondern beim Hören eines Tapes gewahr, das ich von einer Freundin der Familie geschenkt bekommen hatte. Das selbstgebastelte Cover zierte einen in grün und orange gehaltenen Ausschnitt einer nicht weiter nennenswerten Printwerbung. Aber auf der Rückseite war in astreiner HipHop-Schrift, wie ich sie von den Tags in meiner Stadt kannte, die Tracklist vermerkt.
Der #Deutschrap25-Podcast: Moderatorin Visa Vie und Journalist Jan Wehn diskutieren in der sechsten Folge den Geschichtsunterricht des Lockenkopfes:
Auf der A-Seite befand sich ein Best-Of der beiden „Wu-Tang Forever“-CDs. Bestens geeignet, um dazu auf dem Court in Bulls-Jersey und mit ausgestreckter Zunge den Michael zu mimen. Die B-Seite hingegen wurde nie der Soundtrack zu meinen kläglich gescheiterten Dunk-Versuchen und Airball-Serien. Denn darauf war deutscher Rap zu hören – und der klang anders als das, was ich aus Thomas Germanns Musikvideosendung „Hit Clip“ im WDR kannte, die ich jeden Nachmittag auf neue Offenbarungen meiner liebsten Musikrichtung scannte. Anders als „Populär“ von Die Fantastischen Vier oder „Höher, schnella, weita“ vom Rödelheim Hartreim Projekt.
Die Rede war vom ersten Freundeskreis-Album „Die Quadratur des Kreises”. Der Sound war musikalischer. Er klang nach echten und vor allem gekonnt gespielten Instrumenten. Professionell, aber nicht poppig. Noch dazu waren die Stücke viel länger und anders strukturiert, als ich es aus dem Radio kannte.
Was hatten diese verträumten Beat-Loops zwischen den Stücken zu bedeuten? Was um alles in der Welt sollten diese „Menelik“-Flyer sein, von denen Afrob sprach? War „Les Enfant Terrible“ nicht ein Musical? Was waren 1210er? Warum wurde da so viel gesungen und warum klang es trotzdem geil? Nur einige der Fragen, über die ich allabendlich brütete, während ich die Songs immer und immer wieder hörte und mich ob der süßen Küsse von „A-N-N-A“ in Grund und Boden schämte. Komik? Tragik? Spiegelschrift?
So richtig ratlos ließ mich vor allem aber schon der zweite Song der Platte, „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ zurück: „Viele Menschen schrecken zurück, wenn sie ‚Geschichte’ hören. Vier langweilige Stunden pro Woche in der Schule oder was, das lange her ist oder immer ohne einen passiert.“ Zu diesem Zeitpunkt war ich weder je vor dem Wort zurückgeschreckt, noch stand dieses Fach auf meinem recht basalen Grundschulstundenplan der vierten Klasse. Klar, dass ich recht ratlos vor dem Kassettendeck saß.
CIA, Unidad Popular, ABC-Schützen, Tschernobyl, Antifas, Intifada-Schals? Wenigstens Tracy Chapman war mir im CD-Regal meines Vaters schon mal begegnet. Ansonsten verstand ich lange Zeit nur Bahnhof. Aber wann immer ich das Album hörte, lief auch dieser Song. So oft, dass ich ihn irgendwann genauso inbrünstig mitrappen konnte wie „Wenn der Vorhang fällt“. Die Worte ergaben immer noch wenig Sinn, aber sie fühlten sich schon nicht mehr so fremd an.
Ich begann nachzudenken: Wenn Max sagt, dass wieder deutsches Giftgas tötet, dann schien das ja schon mal so gewesen zu sein. Wann denn? Und wieso? Bedeutet Atomstrom vielleicht doch mehr als dieses kleine gelb-grüne Stäbchen im „Simpsons“-Intro? Und hatte ich das Wort „Asyl“ nicht schon mal auf den Unterschriftenlisten von Amnesty International gelesen, die bei uns auf dem Küchentisch lagen und von meiner Mutter jedem Besuch unter die Nase gehalten wurden?
Durch das Nerven meiner Eltern, Nachrichtenschauen und Zeitunglesen erschloss sich mir nach und nach der Sinn des Songs. Der Geschichtsunterricht auf dem Gymnasium entpuppte sich trotzdem als vier langweilige Stunden die Woche. Die Habsburgermonarchie oder Issos Keilerei war halt schon echt lange her und ohne mich passiert. Durch „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ entwickelte ich aber trotzdem früh ein geschichtliches und, wenn man so will, vielleicht sogar ein politisches Bewusstsein. Da waren Dinge passiert, die nicht gut, ja, die sogar richtig scheiße waren. Max hatte mir davon erzählt. Und als er am Schluss davon sang, dass alles mit allem verbunden war, wusste ich um meine Verantwortung.
War noch was?
Ist „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte” von Freundeskreis wirklich der wichtigste Song des Jahres 1996? Dr. No sieht das anders.
Dynamite Deluxe „Pures Gift”
Freundeskreis? Streberkram. 1997 zählte nur der Wickeda. Mit Pferdelunge, übergroßem Ego und dem besten Flow seit immer definierte Samy Deluxe auf dem Demotape seiner Gruppe Dynamite Deluxe einen neuen Standard für geilen Scheiß in D. Pures Gift eben. Der einzige Grund, das nicht zu hören, war, dass einem das Band gerissen und/oder die Kassette bei Eimsbush vergriffen war. Heute kann man sie übrigens für 50 Tacken plus bei Discogs schießen. Ist immer noch jeden Cent wert.