Skisprung-Profi Andreas Wellinger springt beim Skifliegen auf eine Weite von 229 Meter.
© Tim Bohaumilitzky / Red Bull Content Pool
Skispringen

Die Geschichte des Skispringens

230 Jahre ist es her, dass norwegische Bergbauern das Skispringen erfanden. Heute fliegen Profis wie Ryōyū Kobayashi auf riesigen Schanzen 291 Meter weit. Wie es so weit kommen konnte, liest du hier.
Von: Henner Thies
8 min readPublished on
Eine Frage muss zu Beginn erlaubt sein: Wer kommt auf die Idee, mit Skiern von einer schneebedeckten Schanze zu springen, wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen, und – im besten Fall – hundert Meter weiter im Tal wieder auf den Skiern zu landen?
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So kam das Skispringen in die Welt

Was nach einer schlecht durchdachten Mutprobe klingt, haben Bergbauern aus der norwegischen Provinz Telemark im 18. Jahrhundert gestartet. Während der schneereichen Wintermonate überquerten sie umliegende Hänge mit Skiern und nutzten dabei kleinere Hügel für Sprungeinlagen. Die Begeisterung für die Sprünge bei diesen Abfahrten wuchs und führte schließlich zu einer völlig eigenständigen Sportart – dem Skispringen.
Der erste, der dieses neuartige Phänomen schriftlich festhielt, war der holländische Seeoffizier Cornelius de Jong. Er beschrieb 1796, wie Soldaten einer norwegischen Skikompanie Häuser- und Scheunendächer als Sprungschanzen nutzten, und dabei herausfanden, dass der Landedruck vermindert werden kann, wenn er auf den Hang verlegt wird. Eine kleine, aber nicht unerhebliche Entdeckung auf dem Weg zum modernen Skispringen!

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Auch sie hat es ermöglicht, dass heute, rund 230 Jahre später, Menschen wie der japanische Skispringer Ryōyū Kobayashi 291 Meter weit fliegen können! Aber dazu später mehr…
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Vier Meilensteine auf dem Weg in die Moderne

Das moderne Skispringen wäre nicht, was es heute ist, ohne diese vier prägenden Ereignisse im 19. Jahrhundert:
  • 1809: Leutnant Olaf Rye springt über einen selbstgebauten Schneehügel den ersten offiziell gemessenen Skisprung. Er kommt auf einen Weite von 9,5 Meter.
  • 1860: Der Norweger Sondre Norheim knackt den bis dato 33 Jahre bestehenden Weitenrekord und springt mit 30,5 Meter direkt in die Geschichtsbücher – damals noch mit Skistöcken, um beim Anlauf die Balance halten zu können. Norheim ist ein echter Wegbereiter: Er war es auch, der als erster Sportler eine Skibindung verwendete.
  • 1879: In Kristiania, dem heutigen Oslo, wird die erste offizielle Skisprungschanze gebaut, auf der von da an jährlich das Husebyhügel-Rennen stattfindendet. 1892 zieht das Rennen auf den berühmten Holmenkollen um.
  • 1883: Torju Torjussen entdeckt die Telemark-Landung, die bis heute als die bewährte Variante gilt, um einen Sprung im Hang erfolgreich zu stehen.
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1924: Skispringen wird olympisch

Mit der Gründung der ersten Skivereine und -schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz Ende des 18. Jahrhunderts erreicht das Skispringen auch Mitteleuropa. Sondre Norheim, der Rekordknacker von 1860, war da längst in die USA ausgewandert, um eine breite Masse mit Skisprüngen im Zirkus für seine Sportart zu begeistern. Norheim dürfte auch der Grund dafür sein, dass viele technische Entwicklungen im Skispringen ihren Ursprung in den USA haben.
Seit 1924, also seit Beginn der ersten Olympischen Winterspiele in Chamonix, zählt das Skispringen zu den olympischen Disziplinen. Im selben Jahr beginnt zudem die lange Tradition der Nordischen Skiweltmeisterschaften, die bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs jährlich stattfanden.
Unvergessen ist der Auftritt des legendären britischen Skispringers Michael Edwards, a.k.a. "Eddie The Eagle", der 1988 entgegen aller Widerstände bei den Olympischen Winterspielen in Calgary teilnimmt, abgeschlagen Letzer wird, und doch als absoluter Publikumsliebling und Nationalheld zurückkehrt. Eine unglaubliche Geschichte, die 2016 sogar verfilmt wurde.
Bester Deutscher bei Olympischen Winterspielen war zuletzt Andreas Wellinger, der 2018 im Einzel von der Normalschanze sensationell Gold holt!
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Quantensprung dank Wissenschaft und Skiflugschanze

Das wachsende Interesse am Skispringen ruft Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auch die Wissenschaft auf den Plan. Sie versucht das Springen und Fliegen zu revolutionieren – und schafft es auch. Beim Nachstellen von Strömungsverhältnissen in der Luft wird klar: das Anlegen der Arme während des Sprungs bringt aerodynamische Vorteile gegenüber dem traditionellen Sprungstil bei dem die Athleten, die Arme beim Absprung nach vorne streckten und sie in der Luft kreisförmig bewegten. Der neue Stil, bei dem die Arme angelegt wurden, bekam den Namen „Däscher-Stil“, benannt nach dem Schweizer Skispringer Andreas Däscher.
Der erste, der das neue Wissen, (und die neuen Schanzen) nutzen konnte, um die bis dato magische 100-Meter-Marke zu knacken, war Sepp Bradl. Der Österreicher überflügelte im slowenischen Planica, wo die erste Skiflugschanze gebaut worden war, alle seine Mitstreiter und überflog als erster Mensch die 100-Meter-Marke.
Um das Skispringen fortan auch im Sommer weiterentwickeln und trainieren zu können, wurden Anfang der 50er Jahre die ersten Mattenschanzen gebaut. Geistiger Vater des neuartigen Plastikbelags – der aus industriell gefertigten Kunststoffplatten bestand, die zu Fäden verschnitten und anschließend wieder zu Matten gebündelt wurden – war der ehemalige DDR-Trainer Hans Renner. Ein weiterer echter Meilenstein, bedenkt man, dass bereits 1905 im Zirkus Busch mit Kokosmatten belegte Schanze ausprobiert wurden, und später auch mit Tannennadeln, Mandelschalen und allmöglichen Schneeersatzpräparaten herum experimentiert wurde. Alles ohne Erfolg. Dann kam die Mattenschanze, die bis heute Bestand hat!
Seit dem Sommer 1994 wird jedes Jahr der FIS Grand Prix der Spezialspringer auf den Matten¬schanzen der Welt ausgetragen. Eine willkommene Abwechslung für alle Athlet:innen und Fans des Skispringens gesehen. Vor allem aber für Nachwuchsspringer:innen und professionelle Athlet:innen sind die Mattenschanzen heute essenziell, um ganzjährig trainieren zu können.
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Vier Männer begründen die Vierschanzentournee

Vier visionäre Männer sind es, die 1951 den Grundstein für die Vierschanzentournee legen: Xaver Kaiser aus Oberstdorf, Franz Rappenglück aus Garmisch-Partenkirchen, Emmerich Pepeunig aus Innsbruck und Andi Mischnitz aus Bischofshofen begründen gemeinsam einer der bis heute traditionsreichsten und beliebtesten Sportveranstaltungen in Europa, bei dem nur eins im Fokus stehen soll – das Skispringen!
1953 feiert die Vierschanzentournee Premiere und der österreichische Überflieger Sepp Bradl kürt sich zum ersten Tournee-Gesamtsieger in der Geschichte. Beim Jubiläum der 50. Vierschanzentournee im Jahr 2001/2002 gelingt es dem Deutschen Sven Hannawald als erstem und bisher einzigem Skispringer, alle vier Einzelspringer der Tournee zu gewinnen.
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Höher, schneller, weiter – und das erste Mal live im TV!

Mit den Fünfzigerjahren erlebt das Skispringen, auch danke der Einführung der Vierschanzentournee, einen echten Höhenflug. So überträgt die ARD am 01.01.1956 erstmals das Neujahrsspringen live aus Garmisch-Partenkirchen. Auch die technische Entwicklung bringt das Skispringen weiter voran. Seit 1962 übernehmen beispielsweise Computer die Weitenmessung.
So sorgen neue mediale Reichweiten und technischer Fortschritt dafür, dass bei der Vierschanzentournee 1980 bereits Skispringer aus 19 Ländern antreten – ein Rekord. In der Saison 1990/91 sieht man sich schließlich zur Einführung einer Qualifikation gezwungen, um das Teilnehmerfeld im eigentlichen Wettkampf zu begrenzen und der Vierschanzentournee somit einen überschaubaren zeitlichen Rahmen zu verleihen.
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Professionalisierung und Diversifizierung des Skispringens

Das unaufhaltsame Wachstum und die steigende Begeisterung am Skispringen sorgt führt mit Beginn der 1970er Jahre zu einer Ausdifferenzierung der eigentlichen Sportart. Als erstes wird zusätzlich zum herkömmlichen Skispringen das Skifliegen eingeführt. Der größte Unterschied: Während man beim Skispringen mit circa 90 km/h von der Schanze abspringt, erreicht man bei der etwas größer dimensionierten Flugschanze 105 km/h und mehr. Das erlaubt größere Weiten und sorgt für noch mehr Spektakel.
Die Meilensteine der Diversifizierung des Skispringens auf einen Blick:
  • 1972: Die erste Skiflugweltmeisterschaften findet auf der bis dato ersten und einzigen Skiflugschanze im slowenischen Planica statt.
  • 1980: Einführung eines jährlichen, internationalen Skisprung-Weltcups. Erster Sieger eines Weltcup-Springens ist der Österreicher Toni Innauer, erster Gesamtsieger sein Landsmann Hubert Neuper.
  • 1982: Der Mannschaftswettbewerb wird in das Programm der Nordischen Skiweltmeisterschaften aufgenommen. 1988 wird auch der Mannschaftswettbewerb olympisch.
  • 1983: Die offizielle und heute noch gültige Unterscheidung zwischen Normalschanzen, Großschanzen und Flugschanzen wird fixiert.
  • 1993: Der Continental-Cup wird als eine Art „Zweite Liga“ des Skispringens gegründet.
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Ein Zufallsprodukt wird zum Standard-Stil

Im Skispringen hat bisher jede technische Neuerung auch den Sprungstil der Athlet:innen ein Stück weit verändert. Zuerst hat man die Skistöcke weggelassen, später die Arme im Flug nicht mehr nach vorn gerissen, sondern neben den Körper gestreckt. Als eine der letzten Neuerung ist die Entstehung des V-Stils.
Der Schwede Jan Boklöv fand bei einem seiner Trainingssprünge eher zufällig heraus, dass sich ein besserer Auftrieb und somit auch größere Weiten erzielen lassen, wenn die Skier in der Luft zu einem „V“ geformt werden. Während Boklöv für seinen damals noch ungewöhnlichen Flugstil zunächt deutliche Abzüge von den Punktrichtern bekam, etablierte sich der V-Stil nach Boklövs Gewinn des Gesamtweltcups 1988/89 schnell als neuer Standard.
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Rekordjagd nach immer neuen Weiten

Was der Österreicher Sepp Bradl 1936 mit seinem Flug in Planica über 100 Meter startete, ist seither zur vielleicht letzten großen Herausforderung für die besten Skispringer der Welt geworden: Die Rekordjagd nach immer neuen Weiten.
So gelingt es dem Österreicher Andreas Goldberger am 17. März 1994, ebenfalls im slowenischen Planica, als Erster die magische 200-Meter-Marke zu überfliegen. Da „Goldi“ seinen Sprung nicht stehen konnte, gilt offiziell der Flug des Finnen Toni Nieminen am selben Tag auf 203 Meter offiziell erster Flug über die 200er-Marke. Knacken dieser Marke.
Mit am längsten Bestand hatte der 239 Meter weite Satz des Norwegers Bjoern Einar Romoeren aus dem Jahr 2005. Erst der Umbau des Vikersundbakkens im norwegischen Vikersund im Jahre 2010 zur größten Skiflugschanze der Welt ermöglichte neue Bestweiten. Am 18. März 2017 gelingt dem Österreicher Stefan Kraft auf eben jenem „Monsterbakken“ mit 253,5 Metern ein neuer Weltrekord.
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Ryōyū Kobayashi fliegt 291 Meter zum Weltrekord

Ryoyu Kobayashi aus Japan, gesehen in Akureyri, Island am 23. April 2024

Ryoyu Kobayashi in Island – auf dem Weg zu seinem Weltrekord.

© Predrag Vuckovic/Red Bull Content Pool

Überbieten konnte Kraft seither einzig der Japaner, Ryōyū Kobayashi. Er flog am 24. April 2024 im isländischen Akureyri sagenhafte 291 Meter. Allerdings steht Kobayashis Sprung außer Konkurrenz, da seine Weite nicht während eines Wettkampfs auf einer offiziellen Skiflugschanze erzielt wurde, sondern auf einer eigens von Red Bull für diesen Weltrekord temporär erbauten 300-Meter-Schanze.
Andreas Wellinger feiert in Bischofshofen Platz 2 in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee 2024.

Platz 2 für Andi Wellinger bei der 72. Vierschanzentournee!

© Juergen Feichter / EXPA / Red Bull Content Pool

Der Sprung von Ryōyū ist ein weiterer Riesenschritt, der für uns, für den Sport und für das Fliegen gemacht worden ist.
Weniger beeindruckend macht das Kobayashis Rekordsprung in keinem Fall. Fakt ist: die Entwicklung, die das Skispringen seit Olaf Ryes erstem offiziellen 9,5 Meter-Sprung 1809 hingelegt hat, ist mindestens so schwindelerregend, wie das, was Skispringer wie Ryōyū Kobayashi oder Andi Wellinger heutzutage in den Himmel zaubern.

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Andreas Wellinger

Die Olympiamedaillen hängen zuhause, doch Andreas Wellinger zeigt mit seinem Raw-Air-Sieg 2025, dass er nach Rückschlägen wieder an der Weltspitze im Skispringen ist.

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