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„Ohne Janis Joplin würde es DJ Ötzi nicht geben“
Beim Versuch, seine Freundin zurückgewinnen, erkannte er sein Talent: der Schlagerstar Gerry Friedle alias DJ Ötzi über seinen ersten Auftritt in einer Tiroler Karaoke-Bar.
Heute ist Gerry Friedle, besser bekannt als DJ Ötzi, einer der erfolgreichsten Musiker im deutschen Sprachraum: 16 Millionen verkaufte CDs, acht Amadeus-Awards und Nummer-1-Hits in England, Österreich und Deutschland. Sein Song „Ein Stern“ hielt sich 41 Wochen in den deutschen Single-Top-10, länger als jeder andere.
Dabei war sein Weg nach oben nicht leicht. Er lebte erst bei einer Pflegefamilie, dann bei seinen Großeltern im Tiroler Ötztal. Als Kind war er oft krank und litt an Epilepsie. Später schlug er sich mit Koch- und DJ-Jobs durch, bis er 1999 mit dem Ohrwurm „Anton aus Tirol“ zum Schlagerstar wurde. Uns erzählt der heute Fünfzigjährige von jener Nacht, in der er zum ersten Mal erkannte, dass das Rampenlicht sein Element ist. Von dem Moment, der ihm die Kraft gab, Sänger zu werden – allen Widrigkeiten zum Trotz.
„Gesungen habe ich in meiner Kindheit nur dann, wenn ich Angst hatte. Wenn ich in den Keller geschickt wurde, um Holz hochzutragen. Oder wenn ich im Winter Milch holen musste, wenn es schon finster war. Im Dunklen habe ich mich immer sehr gefürchtet, keine Ahnung, warum. Geholfen hat mir in solchen Situationen nur das Singen. ‚Santa Maria‘ von Roland Kaiser zum Beispiel oder die Sachen von Vader Abraham – also all die Schlager, die damals bei uns daheim im Radio liefen.
Mir wurde bewusst: Hey, ich kann da was, was den Leuten taugt.
Ein positives Gefühl beim Singen hatte ich zum ersten Mal um 1990 im Austria-Keller in Obergurgl im Ötztal. Das war eine Bar, in der man Karaoke singen konnte, unweit von dem Hotel, in dem ich als Koch arbeitete. An jenem Abend wollte ich meine damalige Freundin zurückgewinnen – nachdem ich sie betrogen hatte. Also nahm ich all meinen Mut zusammen und sang ihren Lieblingssong: ‚Me and Bobby McGee‘ von Janis Joplin. Ich stand auf der Bühne und fühlte ein Ameisenkribbeln am ganzen Körper. Das Gefühl war mir vertraut, aber ich hatte es bis dahin nur in negativer Form von meinen epileptischen Anfällen gekannt. In diesem Moment fühlte es sich zum ersten Mal positiv an. Das war großartig! Und was sich noch besser anfühlte: der Applaus danach. Es waren zwar nur ungefähr dreißig Leute da, aber mir wurde an diesem Abend bewusst: Hey, ich kann da etwas, was den Leuten taugt.
Dieser Moment hat meinem Leben zum ersten Mal eine Richtung gegeben – und mir in der Folge in schwierigen Situationen weitergeholfen. Als ich mit meiner Band Demo-Tapes an Plattenfirmen schickte, aber nur Absagen erhielt, zum Beispiel. Oder wenn Leute meinten, ich sei bloß eine Eintagsfliege. Dieser frühe Erfolgsmoment in der Karaoke-Bar gab mir die Kraft, spätere Ablehnung in Motivation umzuwandeln. Nach dem Motto: Okay, euch zeige ich es, jetzt erst recht! Er hat mir vor Augen geführt, wie wichtig es ist, an sich zu glauben, an sich zu arbeiten und sein Ding durchzuziehen. Übrigens, die Freundin habe ich mit dem Auftritt zurückgewonnen – allerdings nur für eine Nacht. Was aber geblieben ist: Ohne Janis Joplin würde es DJ Ötzi nicht geben.“
„MEIN ERSTES MAL“ IST DIE RED BULLETIN-PODCAST-SERIE, in der Heldinnen und Helden über ihre Anfänge sprechen. Die Folge mit Gerry Friedle, dessen Autobiografie „Lebensgefühl“ gerade eben im Ecowin Verlag erschienen ist, gibt’s im Podcast-Kanal von The Red Bulletin. Zu finden auf allen gängigen Plattformen wie Spotify und auf redbulletin.com/podcast.