6. Nimm jeden Einzelnen als Einzelnen wahr
Auch wenn die Anfangsmonate beim FC Liverpool „nicht nur voller Sonnenschein“ waren, wie Klopp zugibt: Unübersehbar ist schon jetzt, wie sehr er die Mannschaft ganz für sich gewonnen hat. Das Mittel dazu sind lange Gespräche, in denen er alles über seine Spieler, ihre Hoffnungen und Ängste erfahren möchte.
Dieses Wissen ermöglicht ihm dann, erfolgreich auf der Klaviatur der Kabinenpsychologie zu spielen, Takt und Ton werden dabei individuell zugeschnitten. Er umarmt mal den einen, ignoriert mal den anderen.
Ein jüngerer Spieler wie Jordon Ibe bekommt nach einer herausragenden Partie zum Beispiel eine freundschaftliche Ohrfeige, um auf dem Boden zu bleiben.
Wer sich in Interviews negativ über die Mannschaft äußert, wird vor versammelter Truppe aufgefordert, die Kritik zu wiederholen, meistens kommt danach nichts mehr.
In Dortmund ging er einst persönlich in ein Autohaus, um einen teuren Wagen abzubestellen, den sich ein Jungprofi vom ersten Gehalt angeschafft hatte, obwohl er ihn sich gar nicht leisten konnte.
Spielern mit extravaganten Frisuren hielt er buchstäblich den Spiegel vor und fragte sie verständnisvoll lächelnd, ob es nicht besser sei, mit Leistung aufzufallen.
7. Lebe vor, was du von anderen verlangst
Jürgen Klopps Dortmunder Heavy-Metal-Fußball wurde stilbildend in ganz Europa. Pressing war das große Modewort. Doch kaum eine Mannschaft lebte den Begriff so wie der BVB. Vor allem in Klopps Anfangsjahren in Dortmund, als das Team noch jung und ungeschliffen war, rannten die Borussen wie die Hasen übers Feld und pressten mit sechs, sieben, acht Mann gleichzeitig.
Des Trainers Auffassung von Pressing war zu einem Teil ihrer DNA geworden. Es war ein Spektakel sondergleichen und nur möglich, weil seine Spieler eine regelrechte Lust für diese Art von Fußball entwickelt hatten.
Der für dieses höchst komplexe, enorm kraftraubende System erforderliche Einsatz war eine Selbstverständlichkeit – weil Jürgen Klopp das Credo des „Alles-Raushauens“ vorlebte. So wie er sich an der Seitenlinie zuweilen verausgabt, fordert er es auch von seinen Spielern ein. Und zwar als Prinzip, unabhängig vom Spielverlauf. Als Pierre-Emerick Aubameyang in seinem ersten BVB-Monat in einem Test einen Defensivsprint über 60 Meter anzog und an der eigenen Eckfahne den Ball weggrätschte, rastete Klopp förmlich aus – im positiven Sinne.
Das Mittel dazu sind lange Gespräche, in denen er alles über seine Spieler, ihre Hoffnungen und Ängste erfahren möchte.
8. Stecke erreichbare, nahe Ziele
Als Klopp 2008 in Dortmund begann, lag der Klub am Boden. An die Meisterschaft dachte niemand. Diesen Geist griff Klopp auf und formulierte zunächst bescheidene Ziele.
Der Fußball des BVB sollte wieder Spaß machen („Mich interessiert, wenn es kracht, wenn es staubt, wenn gekämpft wird, wenn es Chancen gibt, wenn es die Leute von den Sitzen reißt“) und die Malocher-Seele des Ruhrgebiets berühren. Die berühmten „Vollgas“-Veranstaltungen waren geboren.
Von Spiel zu Spiel denken – auch das ist typisch Klopp. „Ein Skiläufer“, sagte er, „reißt ja auch nicht nach dem ersten Tor die Hände jubelnd in die Höhe und schwingt ab.“
Der Fokus muss bei Klopp stets auf der nächsten Aufgabe liegen: nächstes Tor, nächster Schwung, nächster Spielzug, nächstes Spiel. Seine Mannschaft befolgte diesen Grundsatz in den ersten Jahren konsequent. Und plötzlich war man Meister, Doublesieger, Champions-League-Finalist.
„Es gibt Menschen, die behaupten, wenn man große Ziele nicht deutlich formuliert, ist man auch nicht richtig ambitioniert. Diese Menschen haben keine Ahnung, wie man Ziele erreicht“, findet Klopp.
9. Fördere Stärken, statt Schwächen zu kritisieren
Schwächen kritisieren – das macht Klopp allenfalls bei Journalisten, wenn ihm eine Frage nicht gefällt. „In welchem Ressort arbeiten Sie denn? Tierfilme?“, blaffte er einmal einen WDR-Reporter an.
Böse Worte über seine Spieler verliert er in der Öffentlichkeit dagegen nie. Sogar teamintern nimmt die Fehleranalyse nur einen vergleichsweise kleinen Teil ein, stattdessen zieht er vor, zu lehren, wie man sein Potential ausschöpft – und über seine Grenzen geht.
Es geht nicht darum, die elf besten Spieler zu finden, sondern die elf, mit denen die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen am höchsten ist.Jürgen Klopp, 51, Liverpool-Coach
Klopps Credo: Man darf einem Spieler keinesfalls sagen, was er alles nicht kann. Sondern muss ihm zutrauen, sich zu verbessern und zu entwickeln. „Dann glaubt er zunächst mir und dann sich selbst.“
Klopp ist sich nicht zu schade, mit gestandenen Profis elementare Dinge wie die richtige Ballannahme hundertfach zu üben. Training bedeute Wiederholung, sagt er; Schlagzeuger würden zum Beispiel einzelne Sequenzen 1600-mal wiederholen, bis sie sie intuitiv beherrschten. So funktioniere auch der Fußball: Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung.
Bei der Zusammenstellung einer Elf, so Klopp, gehe es nicht unbedingt darum, die elf Besten zu finden, „sondern die elf, mit denen die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen am höchsten ist“.
Die richtige Taktik, das lernte er als Spieler in Mainz in der zweiten Liga, kann dabei helfen, die eigenen Stärken herauszuheben und die Schwächen zu verstecken. Die von seinem damaligen Trainer und Mentor Wolfgang Frank (1995 bis 1997 und 1998 bis 2000 beim 1. FSV Mainz 05; Anm.) eingeführte Viererkette und Raumdeckung – in den späten neunziger Jahren noch ein Novum im deutschen Fußball – half Mainz etwa, den Erfolg „zu einem gewissen Grad völlig unabhängig von unserem Können oder Nichtkönnen zu machen“, erinnert er sich.
„Bis dahin hatten wir gedacht, als Team mit schlechteren Einzelspielern als die meisten Gegner müssten wir zwangsläufig oft verlieren.“
Bleib in Krisen gelassen, die 10. Regel
Klopp erzählte einmal von einem Gespräch mit einem Bobfahrer. Der habe ihm erklärt, dass man auf der Suche nach der Ideallinie in der Bahn nicht übersteuern dürfe. Nicht ständig aktiv eingreifen, manchmal – in den richtigen Momenten – Dingen auch mal ihren Lauf lassen.
Als der Coach im Silvester-Urlaub einen seiner Profis mit einer großen Wodka-Flasche auf dem Tisch erwischte, lächelte er ihm nur zu, wünschte einen tollen Abend und ging weiter, als habe er nichts gesehen. So schweißt er sich und seine Spieler zusammen und stärkt ihre Loyalität.
Die meisten Trainer setzen demonstrativ Aktionen, wenn die Resultate länger ausbleiben. Klopp tut das genaue Gegenteil. Zur Halbzeit der Saison 2014/15 stand der BVB so schlecht da wie nie zuvor unter Jürgen Klopp – sogar ein Abstieg des vermeintlichen Titelkandidaten war nicht mehr auszuschließen.
Die meisten Trainer setzen demonstrativ Aktionen, wenn die Resultate länger ausbleiben. Klopp tut das genaue Gegenteil.Jürgen Klopp, Liverpool-Trainer
Wer mit der Erwartung ins Winter-Trainingslager nach Spanien reiste, eine demoralisierte Truppe und einen nervösen Trainer zu erleben, wurde enttäuscht. Klopp war ruhig, gelassen, gut gelaunt.
Seine Ruhe und Zuversicht übertrugen sich aufs Team. Am Ende gelangen der kaum noch für möglich gehaltene Sprung in den Europapokal, der Einzug ins DFB-Pokal-Finale und ein halbwegs versöhnliches Ende der siebenjährigen Ära Klopp beim BVB.
„Krisen gehören im Fußball dazu. In ihnen lernt man, den Erfolg wertzuschätzen“, weiß Klopp. „Man kann verlieren. Man kann noch mal verlieren. Und noch mal. Aber das nächste Spiel, das kann man schon wieder gewinnen. Und das ist das Geile.“