Falk Schacht, das HipHop-Lexikon
© Sandra Müller
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Falk Schacht: diese 11 Deutschrap-Alben der 90er musst du gehört haben!

Der „Summer of 99“ war das Ende eines spannenden Jahrzehnts – Falk Schacht diggt tiefer und stellt uns die 10+1 Deutschrap-Alben der 90er vor, die bisher viel zu oft überhört wurden.
Von: Falk Schacht
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In den meisten Best-of-Deutschrap-Listen der 90er Jahre findest du natürlich Klassiker wie „Hoes, Flows, Moneytoes“ von Westberlin Maskulin, „Überfall“ von Massive Töne, „Von Abseits“ von Doppelkopf, „Großes Kino“ von Blumentopf, „Bambule“ von den Absoluten Beginnern, „Unter Tage“ von RAG, „Gefährliches Halbwissen“ von Eins, Zwo, das „Fenster zum Hof“ von den Stieber Twins und „Advanced Chemistry“ von ‎Advanced Chemistry. Deshalb möchte ich dieser Liste eine Reihe von Alben zusammenfassen, die eher selten bis gar nicht in diesen Listen auftauchen, die man aber unbedingt mal gehört haben sollte.

Ferris MC ‎– Asimetrie (1999)

„Asimetrie“ entstand nach der Auflösung von F.A.B. und dem Bruch von FlowinImmo und Ferris MC. Mit neuem Deal bei Yo Mama Records zog Ferris von Bremen nach Hamburg, direkt in die Etagenwohnung seines engen Kumpels Tobi Tobsen von Fünf Sterne Deluxe, die sich im selben Haus wie das Label befand. Das asoziale Enfant Terrible fand in Tobi sein produzierendes Gegenstück mit knarzendem 303-Acid-Bass, der den Sound dieses Album so einmalig machte. Zusammen nannten sie sich Bonzenbro$ und riefen das Motto „hart dumm fürs Millennium“ aus. Den Beat von „Bonzenbro$ Superhit“ ließen sie aber ausnahmsweise von einem unbekannten hannoveranischen Nachwuchsproduzenten schrauben, der während der Aufnahmen Zeuge wurde, wie sie das Angebot ablehnten, einen Remix des Songs „Hi (My Name Is)“ von einem gewissen Eminem zu produzieren. Heute wohnt man getrennt, Ferris schauspielert und Tobi nutzt auf inzwischen geraden Beats bei Moonbootica hin und wieder die 303, wenn nicht gerade neue Fünf-Sterne-Dinge anstehen.

DCS ‎– 1999 … von vorne! (1999)

Deutschrap und seine Namen haben in den 90ern so einiges erlebt. So hieß diese Crew am Anfang ihrer Karriere „Die Coolen Säue". Später auf DCS gekürzt und mit zwei Major-Alben draußen, die erahnen lassen, das man hier und da einen Kompromiss im Sinne des A&Rs machte, laufen sie 1999 auf dem Indielabel Deck8 zu brutaler Größe auf. Mit minimalistischen Beats von DJ Lifeforce und Roe Beardie, die sich auf einem massiven Bass-Fundament bewegen, bringen Schivv und Rotz ihre Lines so sicher ins Ziel wie noch nie. Heute sind DCS zwei Anwälte, ein Werbetexter und ein Produktentwickler weltweit gehandelter DJ-Taschen.

Feinkost Paranoia – Dorn im Dritten Auge (1998)

Münchens Rap-Image wurde in den 90ern stark durch Blumentopf geprägt, so dass man das Gefühl bekommen konnte, alle lebten in der mittelschichtigen „WG 2000“, in der die Mitglieder von Blumentopf lange Jahre verbrachten. Aber in München wurde auch Musik produziert, die man in ihrer Wut und Wortwahl eher in Berlin verortet hätte. Mit einem recht verspulten, auch gerne mal vor dem Beat sitzenden Flow wurde auf teilweise kruden Beats über Sex, Drogen und Gewalt gerappt – aber mit einem allzeit bereiten, alles verarschenden und respektlosen dritten Zwinkerauge. Was die Mitglieder von Feinkost Paranoia heute so machen, ist schwer zu recherchieren, Weeh 78 aber arbeitete z.B. die letzten 20 Jahre als Sprecher für Funk und TV, als Landwirt, Illustrator und hat 2018 ein sehr wütendes und gutes Album mit dem Titel „Haptik“ veröffentlicht. Milanmann aka Mylander MC ist als Kreativer mit seinem Designstudio Pixel Propaganda tätig.

Spax – Privat (Style Fetisch) (1998)

Spax erarbeitete sich zusammen mit DJ Mirko Machine in den 90ern einen Ruf als gnadenloser Freestyler und konnte diese Styles und Skills auch auf seine Platten bannen. Als erster deutscher Rapper mit US-Deal bei Payday Records ließ er sich sein Debütalbum von Glammerlicious (Main Concept) produzieren und im New Yorker D&D Studio mixen. Spax’ direkte und arrogante Battlerap-Attitüde eckte gerne mal an. So gab es einige deutsche Rapper, die sich von seinem Song „Ihr seid alle wack“ angesprochen fühlten, obwohl sie gar nicht gemeint waren. In einem von der D.I.T.C.-Legende Showbiz produzierten Track, der gegen Nana, Der Wolf, 3P, Bürger Lars Dietrich, DJ Bobo, Tic Tac Toe und die Jazzkantine geschrieben war, wünscht sich Spax einen „Popschutz“. Fun Fact: auf dem ersten Jazzkantine-Album von 1994 ist Spax auf dem Track „Das Jazzhaus“ zu hören.
„Privat (Style Fetisch)“ ist wahrscheinlich eine der perfektesten Umsetzungen der Idee eines reinen Eastcoast-Rapalbums auf Deutsch. Das experimentellste Stück auf der Scheibe ist „Hiobsbotschaften“, bei dem Spax einen freaky, freaky Flow an den Tag legt, aber trotzdem immer on point bleibt. Weiterer Fun Fact: auf dem Vinyl gibt es mit „No Gimmickz“ einen Bonustrack desselben hannoveranischen Nachwuchsproduzenten, der auch „Bonzenbro$ Superhit“ vertonte. Nur mit dem Unterschied, dass er auf diesem Track auch rappt, weil der eigentlich dafür vorgesehene Rapper Terrortaiga aka Marcus Staiger nicht zu den Aufnahmen erschien. Dafür ist Marcus Staiger essend, sehr schlank und oberkörperfrei neben Spax an einer Fleischtheke im Video zu „Mit Leib und Seele“ zu sehen. Spax hat in den letzten Jahren diverse Alben veröffentlicht, darunter „Zeiten ändern dich nicht immer“ und „Unter dem Radar“ zusammen mit DJ Mirko Machine als Die Profis. Sein aktuelles Album, das er zusammen mit Producer Brisk Fingaz veröffentlichte, heißt „Diamanten & Pechstein“.

Main Concept ‎– Genesis Exodus Main Concept (1998)

Neben „Privat (Style Fetisch)“ produzierte Glammerlicious 1998 auch das Album seiner Crew Main Concept aus München, weshalb auch hier der jazzige NY-Einfluss jedem Beat aus den Poren dringt. Veredelt durch die Cuts von DJ Explizit, untermalt David Pe alles mit schlauen, oft politischen Lines, für die er jahrelang als Aushängeschild Münchens galt. Innerhalb Monacos ebnete er unter anderem den Weg für Blumentopf. So hört man Kung Schu auch auf dem Track „Das Bildnis“. David ist heute Allgemeinmediziner, Glammerlicious ist als Musikproduzent tätig und Explizit arbeitet als Club- und Radio-DJ.

Fettes Brot ‎– Fettes Brot lässt grüßen (1998)

Die Beziehung von Deutschrap und Fettes Brot ist voller Missverständnisse. Dabei zeigt die Band auf diesem von der Szene total unterschätzten Album, wie true to the game sie sind – nur vielleicht zum falschen Zeitpunkt. Während Deutschrap 1998 immer noch die Formel von New-York-Rap à la Premier und Pete Rock zu dechiffrieren suchte, hatten Fettes Brot längst die Formel geknackt und einige der besten Eastcoast-Beats aus Hamburg rausgeschossen. Auf diesem Album waren sie schon woanders und ließen Boogie- und Elektro-Funk-Einflüsse aufblitzen, was neben ulkigen Texten anscheinend viele Hartkern-Jünger abschreckte. Der ans Mikro steppende Berlin-Rap-Boom tat sein Übriges, um einen Keil zwischen Rap und die Brote zu rammen. Dabei wird in Tracks wie „Geld abheben“ ein Referenz-Bingo gestartet, das von Oldschool-Harmony-Routinen im Geiste der Cold Crush Brothers bis Audio Two und Warren G durch-reguliert ist. Mehr original HipHop geht eigentlich nicht.

F.A.B. – Erich Privat (1997)

Die Freaks Association Bremen bestand aus FlowinImmo, Ferris MC und DJ Pee. Während sich letzterer nach der Debüt-LP ins Privatleben verabschiedete, versuchten sich die beiden Rest-Freaks mit Sony-Deal an einem neuen Album. Dabei kam es zu enormen Konflikten zwischen beiden, was letztendlich zum totalen Bruch und dem erwähnten Umzug von Ferris nach Hamburg führte. Das fertige Album ging daraufhin ohne vernünftige Promotion komplett baden. Immo schrieb dazu in einem Blog, dass die Plattenfirma ihren Beitrag zum Untergang leistete, indem sie das Promotape wie wild verbreitete und dabei schlauerweise die kompletten Songs verschenkte, so dass Sparfüchse keine Platte mehr kaufen mussten. Ferris MC ist heute Musiker und Schauspieler und war zwischenzeitlich Mitglied bei Deichkind. Immo macht ebenfalls noch Musik und veranstaltet in Bremen das „Komplette Palette“-Festival. 2019 hat er mit seiner Crew Filmmm das Album „Schutt und Asche“ veröffentlicht.

Das Duale System – Land in Sicht (1997)

Das Duale System war ein Projekt der Kölner Produzenten Nine Double M und iGadget zusammen mit Tatwaffe, Def Benski sowie Der Pütz. Die Protagonisten waren davor und danach Teil bekannter Formationen wie Rude Poets, Äi-Team, Blitz Mob, Die Firma, La Familia, 4 Mille und ENTBS. Dazu kamen wechselnde Gastrapper wie Aphroe, Scopemann oder Chicken George. Das Album „Land In Sicht“ von 1997 fand viel zu wenig Verbreitung, obwohl ein Knaller nach dem nächsten auf dem Album zu hören ist. Das „Gipfeltreffen“ gibt es diversen Remixen, wir hören die schön dreckige Lagerfeuer-Version. iGadget produziert nach wie vor Beats und ist UI & UX Designer & Developer im Solarenergie-Sektor, Tatwaffe veröffentlicht Alben, Def Benski macht Musik und arbeitet als Erzieher und Der Pütz betreibt das Label ENTBS.

Lyrical Poetry – Nonplusultra (1996)

Das englischsprachige erste Album von Lyrical Poetry, „The S.M.I².L.E. Album“, bekam 1993 noch relativ viel Aufmerksamkeit. Drei Jahre später hat der Wechsel zur deutschen Sprache stattgefunden, die Beats sind griffiger und klingen teilweise G-Funk-beeinflusst. Trotzdem kann das zweite Album „Nonplusultra“ nicht dieselbe Reichweite erzielen wie das Debüt – was sehr schade ist. Die Texte von Ma sind smart und fließen in einer nonchalanten Art über Beats, die in ihrer elektronischen Anmutung noch heute fresh klingen. Ma hat bis heute mit Rap zu tun, denn er ist Musikchef von Bremen Next, einem Sender von Radio Bremen, der sich auf urbane Musik konzentriert.

Fast Forward ‎– Ich und MC Bibabutz (1996)

Als Rapper, DJ und Produzent erschien Fast Forward 1994 auf der Bildfläche mit einer englisch gerappten Britcore-Single auf MZEE Records. Im gleichen Jahr erscheint auch „Keine Effekte/Knock It Off!“ von STF, seiner gemeinsamen Crew mit Scopemann und Tuareg. Im weiteren Verlauf der 90er wird Fast Forward mit seiner markant schneidenden Stimme ans Mikro treten, um auf Deutsch zu rappen, sowohl solo als auch als Teil von STF. Um sein eigenes Album zu veröffentlichen, gründet er das Label „Put Da Needle To Da Records“, auf dem später Künstler wie Kool Savas, RAG, Creutzfeld & Jakob, Westberlin Maskulin und Der Klan veröffentlichen.
„Ich und MC Bibabutz“ ist eine Mischung aus englischen und deutschen Tracks, die Britcore-Einflüsse der Beats sind noch zu hören, weichen aber bereits einem gewissen NY-Feeling. Die deutschen Tracks gehören mit zum besten Battlerap, der 1996 veröffentlicht wurde. Im Track „Hallo Nachbar“ geht es um den klassischen Disput zwischen Rock- und Rap-Fans, den FaFo alleine deshalb gewinnt, weil er den Sound hat, der Wände „umbläst“: die „808 ist die Macht“. Fast Forward hat inzwischen seine eigene SEO- und Webdesign-Agentur namens Da Agency.

BONUS: Hartkor Kinkxz/808 Mafia ‎– Werwolf Im Schafspelz/808 Mafia Am Abzug (1996)

Die Kölner Crew LSD waren bereits Legenden, als ihr Frontmann VOC Ko Lute als Rapper und Produzent 1996 das erste Album in dieser Konstellation zusammen mit Rascal & Kretschi aka FMK veröffentlichte. Es ist das erste Release auf Dominance Records aus Dessau, das damit seine bis heute andauernde Arbeit begann. Der Sound war damals hoffnungslos Old School und passte so gar nicht in das vorherrschende Eastcoast-NY-Boom-Bap-Klangbild. Mit brachialen 808-Drums, Vocoder-Effekten und 16tel-Hihats war diese Platte wie ein Mittelfinger aus den 80ern. Dazu passt, dass Ko Lute als Gast in der TV-Show Wordcup sinngemäß sagte, alles nach 1992 sei kein HipHop, weil es keine 16tel-Hihat habe. Genau dieser damals so unzeitgemäße Sound lässt diese Platte heute angenehm fresh klingen, und wenn dazu Wack MCs zersägt werden, fliegt einem ein Lächeln ins Gesicht.